Die Zeit

Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!
Sie zu halten, wäre das Problem.
Denn, wen ängstigts nicht: wo ist ein Bleiben,
wo ein endlich Sein in alledem? –

Sieh, der Tag verlangsamt sich, entgegen
jenem Raum, der ihn nach Abend nimmt:
Aufstehn wurde Stehn, und Stehn wird Legen,
und das willig Liegende verschwimmt –

Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; –
aber auch in ihnen flimmert Zeit.
Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt
obdachlos die Unvergänglichkeit.

Rainer Maria Rilke, Aus dem Nachlaß des Grafen C. W. (Nachlaß)

Rezension: Stefan Zweig – „Maria Stuart“

Im letzten Sommer las ich während meiner Schottlandreise „Maria Stuart“ von Stefan Zweig. Die perfekte Urlaubslektüre! Seit Langem zählt Zweig zu meinen Lieblingsautoren. Er verfasste in seinem Leben so manches biografische Werk. Jedes dieser Werke gründet auf akribischen Recherchen und wägt unterschiedliche Sichtweisen gegeneinander ab. Zweig versteht es brillant, historische Zusammenhänge aufzudecken. Er stellt sie dar, ohne die Ereignisse bloß aneinanderzureihen. Er beschreibt dabei nicht nur den Gegenstand einer Geschichte, sondern arbeitet tiefgreifende Charakterstudien heraus, die Kulturgeschichte und Persönlichkeiten zusammenführen. Die Lebens- und Leidensgeschichte, die er über die Schottenkönigin schreibt, ist ebenfalls eine psychologisch angelegte Roman-Biografie. Die Tragödie der Historie wandelt Zweig zu einer abenteuerlichen Kriminalgeschichte, die von politischen Intrigen und eiskaltem Kalkül erzählt.

Das von Reformation geprägte 16. Jahrhundert wird zum Schauplatz der Rivalität zweier starker Frauen: Maria Stuart und Elisabeth I liefern sich einen erbitterten Machtkampf. Der Königshof schickt die schottische Prinzessin Mary als kleines Mädchen nach Frankreich. Dort wird sie, verlobt mit dem französischen Kronprinzen, auf ihre Rolle als Königin vorbereitet. Früh trennt der Tod das Paar und Maria Stuart kehrt in ihre Heimat Schottland zurück. Schnell verfällt sie dem Schönling Henry Darnsley, den sie sodann heiratet. Doch bald nach der Hochzeit flaut die Leidenschaft ab, schlägt in Verachtung um. Es kommt zu Intrigen und Verrat am Hofe, Darnsley kommt auf mysteriöse Weise ums Leben.

Im politischen Fokus steht fortan die Auseinandersetzung mit England und seiner Königin Elisabeth I. Maria Stuart will als legitime Nachfahrin Heinrichs des VII ihren Anspruch auf den englischen Thron geltend machen. Elisabeth I gilt hingegen als illegitimer Bastard Heinrichs des VIII. In ihrem Krieg gegen den Katholizismus wird sie dennoch von mächtigen Persönlichkeiten wie dem schottischen Protestanten John Knox unterstützt, die sich gleichzeitig gegen die Schottenkönigin wenden. Mit spitzen Worten und intriganter Psychologie liefern sich beide Frauen ein erbittertes Gefecht um Macht und Religion. Elisabeth gewinnt. 1587 richtet sie die Rivalin Maria Stuart hin, nach 18 Jahren Haft.

Stefan Zweig erzählt diese Geschichte wie eine Tragödie, die aus Shakespeares Feder stammen könnte. Er stellt Maria Stuart weder als Mörderin Darnsleys noch als Märtyrerin für ihr Land dar. Vielmehr versucht er, durch psychologisches Deuten und umfangreiche Quellenkritik das Geheimnis ihres Charakters zu ergründen. Hierin liegt der Schlüssel zu Stuarts Einfluss auf die historischen Wendungen. Der Autor fasst verworrene Zusammenhänge in einem klaren Bild zusammen. Er erkennt Spieler und Gegenspieler und arbeitet die Poesie im Drama heraus. Diese Herangehensweise beeindruckte mich bereits in seinem „Bildnis eines mittleren Charakters“ über Marie Antoinette. Stefan Zweig begibt sich in dem Roman über Maria Stuart erneut auf Wahrheitssuche in einer dunklen Epoche. Er zeichnet präzise das detailreiche Bild eines Mädchens, dem vieles in ihrem Leben zufiel. Genauso das Bild einer leidenschaftlichen Frau voller Lebenslust und Energie, hoch gebildet und mit großem Stolz. Er zeigt dem Leser die Menschen hinter den politischen Rollen und die Gefühle hinter ihren Fassaden.

Was ich zusätzlich schätze, ist Zweigs einzigartig ausgefeilte, bildreiche Sprache. Er schreibt leidenschaftlich und unparteiisch zugleich. Der Autor zieht ruhig Stuarts Bahn auf dem Fluss der Geschichte nach. Daraus ergibt sich ein Roman, der mich als Leserin packt und fesselt. Ich fieberte mit, wenn das Schicksal den Protagonisten in die Hände spielte. Ich litt, wenn es im nächsten Moment daraus eine Schlinge drehte. Eine klare Empfehlung für jeden, der sich gern hintergründig mit Geschichte beschäftigt und den Nervenkitzel eines guten Krimis liebt!


Stefan Zweig: Maria Stuart. Fischer Klassik.

Rezension: Astrid Lindgren – „Das entschwundene Land“

Astrid Lindgrens Geschichten sind für mich ein Schatz aus meiner Kindheit, den ich bewahren und weitergeben werde. Aber auch das einzige Buch, das sie je für ein erwachsenes Publikum schrieb, rührt mich tief an. Es ist ein schmaler Band, der auf knapp 130 Seiten von der Liebesgeschichte ihrer Eltern erzählt.

Jetzt will ich eine Liebesgeschichte erzählen, keine, die ich gelesen oder mir ausgedacht, sondern nur eine, die ich gehört habe. Oft gehört habe. Darin ist mehr Liebe als in allen, die ich in Büchern fand, und für mich ist sie rührend und schön. Aber das liegt vielleicht daran, daß sie von zwei Menschen handelt, die meine Eltern werden sollten.

Astrid Lindgren – Das entschwundene Land, S. 9, dtv Ausgabe

Eine innige, sehr schlichte Liebe ist es, die ihre Eltern bis ins hohe Alter verbindet. Dieses Buch zu lesen ist wie in einem alten Fotoalbum zu stöbern und mit dem Finger über das Bild eines Paares zu streichen und sich zu fragen, wie diese beiden wohl zueinander gefunden haben, was sie verbunden haben mag, wie sie ihr Leben gemeinsam gestalteten. Astrid Lindgren beantwortet diese Fragen in einer Erzählung voll atmosphärischer Zeitlosigkeit und einer Prise trockenen Humors. Sie beschreibt eine unbeschwerte Kindheit, die geprägt war von Freiheit und Geborgenheit. Durch felsige Weiden, Birkenwälder, Wegesränder voll Leberblümchen, blaue Seen und rote Holzhäuser nimmt Lindgren ihren Leser mit ins ‚entschwundene‘ Land, in dem sie als Kind von Samuel August von Sevedstorp und Hanna in Hult aufwuchs. 

Ein einfaches Leben führt die Familie, geprägt von harter Arbeit und liebevoller Wärme. Mittendrin wächst das kleine Mädchen Astrid auf, das Jahrzehnte später seine Erinnerungen an eine lebendige Zeit aufschreibt. Mitreißend die Stelle, in der sie erzählt, wie sie ihre Leseleidenschaft entdeckte und ihre grenzenlose Freude darüber, sich später Bücher nicht nur auszuleihen, sondern auch selbst kaufen und besitzen zu können. Lesen ist für sie das grenzenloseste aller denkbaren Abenteuer.

Der kleine Band ist eine wunderschöne Ergänzung zu den Biografien, die über Astrid Lindgren geschrieben wurden. Es macht großen Spaß, ihn immer mal wieder in die Hand zu nehmen und in dieses Bild hineinzuschauen, das sie in Erinnerung an ihre Kindheit auf dem Pachthof bei Vimmerby im schwedischen Småland gezeichnet hat, welche sich so tief einprägte in ihr Sein und auch in ihr Werk. Aber allem voran ist es doch einfach eine so tief rührende Verbindung, die sie den Leser zwischen ihren Eltern beobachten lässt und allein dafür ist dieses Buch absolut lesenswert. Auch als Witwer gedenkt Samuel August noch seiner Hanna, dieser großen Liebe seines Lebens. Der Satz, den er voll Ruhe und Zufriedenheit am Ende ihrer beiden Leben zu ihr sagte, klingt noch lange in mir nach.

Hier sitzen wir, du und ich, und haben’s schön.

Ein Zeichen

Gieb deinem Herzen ein Zeichen, 
daß die Winde sich drehn. 
Hoffnung ist ohne gleichen 
wenn sie die Göttlichen sehn. 

Richte dich auf und verharre 
still in dem großen Bezug; 
leise löst sich das Starre, 
milde schwindet der Bug. 

Risse entstehn im Verhängnis 
das du lange bewohnt, 
und in das dichte Gefängnis 
flößt sich ein fühlender Mond. 

Aus: Rainer Maria Rilke, Die Gedichte 1922 bis 1926 (Entwürfe; Muzot, Februar 1924)

Kleine Reise in die Vergangenheit

Diese Geschichte schrieb ich mit 11 Jahren. Ich weiß noch, wie ich in meinem Zimmer an einem der alten, doppelten Fenster saß und nach draußen schaute, auf die Apfelbäume in unserem Garten, mir Geschichten ausdachte und die Worte aus meinen Gedanken aufs Papier fließen ließ. Ich habe als Kind viele solcher Geschichten geschrieben – diese hier ist leider eine der wenigen, die ich aufgehoben habe. Sie fühlt sich an wie ein Fragment aus einer anderen Zeit; eine Zeit, die ich manchmal sehr vermisse, weil sie so unbeschwert, frei und voller Fantasie war. Mein Leben hat mich seit dem oft an meine Grenzen gebracht. Wenn ich manchmal etwas wehmütig in die Vergangenheit blicke, erinnere ich mich gerne an ein Zitat von Sergej Jessenin, das mich immer wieder Frieden mit der Vergänglichkeit schließen und solche schwermütige Gedanken ziehen lässt:

Ich trauere nicht, ich rufe nicht, ich weine nicht – Alles verfliegt wie weisser Rauch aus Apfelgärten.

Sergej Jessenin, zitiert nach Swetlana Geier in „Die Frau mit den 5 Elefanten“

Der Mondsteinprinz

Es war das Jahr, in dem die Apfelblüten vor meinem Fenster besonders dufteten. Ich schnitt jeden Abend einen Zweig ab und stellte ihn in eine Vase an mein Bett. So schlief ich immer mit einem Hauch von Apfel ein. Als ich an diesem Morgen aufwachte, schien die Sonne in mein Zimmer. Mutter klapperte unten mit dem Frühstücksgeschirr. Ich stieg aus dem Bett und stellte mich ans Fenster, sog die frische Frühlingsluft in mich ein. Blickte auf den Rosengarten vor dem Haus hinunter, auf die Allee aus Apfelbäumen, die zur Straße hinunter führte; auf den See dahinter, dessen Wasser nachts im Mondschein immer so wunderschön glitzerte. Heute war mein Geburtstag!

Anlässlich meines besonderen Tages hatte Mutter einen besonderen Gast eingeladen. Am Nachmittag sollte meine Freundin Kaisa kommen. Ich tanzte durch das Zimmer und zog mir ein festliches Kleid über mein Untergewand, weiß mit einer goldenen Kordel. Wie jeden Morgen strich ich mit dem Finger über das kleine eingravierte Hufeisen über meiner Tür, wie um mich von meinem Zimmer zu verabschieden. Ich lächelte bei seinem Anblick und stieg die schmale Treppe in die geräumige Küche hinunter. Es gab Torte und Kakao. Ein kleines Lüftchen wehte durch das angelehnte Fenster herein, sodass sich die weiße Tischdecke in seinem Zuge leicht anhob. Nach dem Frühstück unternahm ich einen Spaziergang durch den Rosengarten, dessen Knospen noch nicht erblüht waren. Auf dem Weg zu den Ställen rief ich unserem alten Kutscher zu und half ihm, die Pferde zu füttern. Meine Hände glitten über den warmen Hals meiner Araberstute Fauna. Freundlich schnaubte sie und ich streichelte vorsichtig ihre weißen Nüstern. Der alte Kutscher brachte mir den Sattel und als wir los ritten, machte Fauna solche Freudensprünge, dass ich sie zügeln musste.

Ich lenkte sie in den Pfad, der zu dem See führte, den ich von meinem Fenster aus sehen konnte. Ich stieg ab, um eine Seerose zu pflücken, die am Uferrand wuchs und ließ das Pferd frei auf der Wiese herumtollen. Als ich vom Dorf die Glocken hörte, die die Mittagsstunde einläuteten, pfiff ich es zurück und wir ritten gemächlich zum Herrenhaus zurück. Nach dem Essen wartete meine Gouvernante bereits. Bevor mein Gast kam, musste ich an diesem Tag Französisch studieren und auch die Kräuter in unserem Kräutergarten. Doch schon schellte die große Glocke vom Portal her und wir eilten, um die Kommende in Empfang zu nehmen. Mit schwerem Knacken öffnete sich das Tor, dahinter hörte ich bereits Kaisa aufgeregt meinen Namen rufen. Wir fielen uns in die Arme und sie gab mir ein kleines Päckchen.

Wir zogen uns in die kleine Laube am Rosengarten zurück und ich öffnete vorsichtig mein Geschenk. Es war etwas kleines, hartes, in Watte eingepackt. Als ich die Watte von der Befestigung löste, rollte ein kleiner, silbergrauer Mondstein in meine Hand. Kaisa sagte, man müsse den Stein bei Vollmond ins Wasser des Sees tauchen. „Das bringt Glück!“, verriet sie mir verschmitzt lächelnd. Den Nachmittag und Abend verbrachten wir in großer Aufregung und als die Turmuhr des nachts endlich 12 schlug, zogen wir heimlich still und leise unsere Schnürschuhe an und warfen uns Mäntel über die weißen Nachtgewänder.

Wir eilten über das Gras zum See hinunter, unsere Schuhe wurden ganz feucht vom Tau. Das Wasser glitzerte im Mondschein. Ich genoß diesen Anblick einen Moment lang, dann fasste Kaisa mich bei der Hand. Wir schritten langsam zum Ufer hinunter, doch da war schon jemand. Ich stieß einen leisen Schrei aus und der Mensch am Wasser drehte sich um. Ich wollte laufen, doch Kaisa hielt mich zurück. Ein junger Mann lächelte uns entgegen, sein Haar war von silbrigem Schein: „Ich habe schon auf euch gewartet!“. Ich sah Kaisa ungläubig an, doch sie nickte mir auffordernd zu. Der Jüngling führte uns zum Ufer hinunter und als ich meinen Stein ins kühle Wasser tauchte, da verriet er: „Ich bin der Mondsteinprinz. Ich war bisher nur ein Geist, doch in dieser Nacht werde ich zum Menschen, um meine Bestimmung zu erfüllen. Du sollst mir dabei helfen. Doch an meiner Stelle muss sich ein anderer für mich opfern und selbst für immer zu einem Geist werden, bis dass er so wie ich durch ein Mondsteinmädchen erlöst werde“. „Wer tritt an deine Stelle?“, hauchte ich zaghaft und atemlos und ein Schauer lief mir über den Rücken, weil es mir plötzlich klar wurde. Ich drehte mich nach Kaisa um, doch sie war schon verschwunden.

Rezension: John Williams – „Stoner“

Dieses Buch lässt mich in beruhigender Stille zurück, als ich es zuklappe. Es geht mir nicht bei vielen Büchern so, aber bei diesem bedaure ich, die letzte Seite gelesen zu haben und nun den Buchdeckel hinter mir zu schließen, wie eine Tür zu einem geliebten Raum voller Wörter und einem guten Gefühl. Obwohl es im Grunde ein ziemlich nüchterner, kühler Text ist, weiß ich jetzt schon, dass dieses Buch noch lange nachklingen wird. Ein Buch, das ich in spätestens ein paar Jahren erneut in die Hand nehmen werde, um mich wieder in die Ruhe zu legen, die es ausstrahlt.

Er hatte jene Phase im Leben erreicht, in der sich ihm mit wachsender Dringlichkeit eine Frage von solch überwältigender Einfachheit stellte, dass er nicht wusste, wie er darauf reagieren sollte. Er begann sich nämlich zu fragen, ob sein Leben lebenswert sei, ob es das je gewesen war.

S. 227

Stoner wurde bereits 1965 veröffentlicht, dann jedoch lange vergessen. Inzwischen ist das Buch kein Geheimtipp mehr, sondern ein echter Publikumserfolg der College-Literatur. Es begleitet William Stoner durch sein Leben: Der einfache Farmersohn aus Missouri wird auf die Uni geschickt, er soll Agrarwissenschaft studieren und die Landwirtschaft seiner Familie übernehmen. In einem vorgeschriebenen Einführungskurs zu englischer Literatur entdeckt er seine Liebe zur Literatur, die ihn bis an sein Lebensende begleiten wird. Er wechselt sein Studienfach und kehrt nicht nach Hause zurück, bleibt als Dozent an der Universität. Er entfremdet sich von seinen Eltern, heiratet die Tochter einer wohlhabenden Familie. Seine Ehe ist unglücklich, sein akademischer Beruf glanzlos, monoton; wohlwissend, trotz aller Leidenschaft nur mittelmäßig in seinem Fach zu sein. Seine Frau wirft ihm vor, ihr nicht den erwarteten Lebensstandard bieten zu können, die gemeinsame Tochter wird nicht zum großen gemeinsamen Glück. Das Mädchen wird streng erzogen und bewusst vom Vater entfremdet, der sich mehr und mehr aus Haus und Eheleben zurückzieht. Eine Affäre mit einer seiner Doktorandinnen führt zum endgültigen Bruch. William Stoner altert merklich, eine Krebsdiagnose beendet seine Laufbahn an der Fakultät. Er stirbt allein in seinem Bett, mit einem letzten Blick auf einen Stapel Bücher, in die er schon lange nicht mehr hineingesehen hat; mit seinem eigenen Buch in den Händen, von dem er bezweifelt, dass es jemanden „zu irgendeiner Zeit genützt haben mochte“. Das Sonnenlicht wandert über das Fenster und sein Leben schwindet dahin.

Ein nüchterner, düsterer Roman über ein karges, man möchte fast sagen erfolgloses Leben. Über die Suche nach der eigenen Identität, über gescheiterte Träume und dramatische, zwischenmenschliche Beziehungen. Auch die Sprache ist leise, ohne Schnörkel. Chronologische, stringente Prosa, die auf jeglichen Glanz verzichtet. Was dieses Buch für mich aber so brillant hervorstechen lässt, sind die warmen Sonnenstrahlen, die sich am Ende nicht nur auf Stoners Sterbebett, sondern auch um die Schultern des Lesers legen. Ein Buch so voller Menschlichkeit; worin Schwäche liegt, aber auch große Stärke, diese schwachen Momente unbeschadet zu überstehen. Ein Roman über Liebe und Freundschaft und harte, beharrliche Arbeit. Über die Mühe, vergiftete Beziehungen zu retten, die längst in Schutt und Asche liegen. Über die große Leidenschaft eines Mannes, der es nicht schafft, ihren Funken auf andere überspringen zu lassen und dennoch nicht resigniert. Ein Roman, der den Blick dafür öffnet, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Er offenbart das einfache Sein. Es ist faszinierend, wie William Stoner in sich ruht und sich selbst nie verliert. Schon früher hatte er sich diese Frage nach seinem lebenswerten Leben gestellt und reflektiert sie nun auf seinem Sterbebett – ihm wird noch einmal bewusst, dass er trotz allem nicht gescheitert ist. Obwohl er keine großen Spuren hinterlassen hat, ein genügsames statt abenteuerlich-glamouröses Leben führte. Er ist sich selbst stets treu geblieben und das ist das Einzige was zählt. Ein bewegendes Resümee für eine Lebensgeschichte und damit einen traurigen, aber auch sehr tröstlichen Roman.

Eine Sanftheit umgab ihn, eine Mattigkeit legte sich auf seine Glieder, und ein Gefühl der eigenen Identität überkam ihn mit plötzlicher Kraft, er fühlte seine Macht. Er war er selbst, und er wusste, was er gewesen war.

S. 348

– wohlan –

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
 
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
 
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse – Stufen

‚Wohlan‘ ist ein Schlüsselwort in Hermann Hesses Gedicht „Stufen“. Sowohl dieses Wort als auch das Gedicht zählen schon lange zu meinen liebsten. Hesse schreibt dieses Gedicht nach langer Krankheit und 1941 auch mitten in einem der verheerendsten Kriege, die es je gegeben hat. Und doch sind seine Verse von einem so tiefgreifenden, unerschütterlichen Optimismus für das Leben geprägt. Das fasziniert mich immer wieder, wenn ich es lese. 

„Heiter“ sollen wir „Raum um Raum durchschreiten“. Für mich sind diese Räume nicht nur die Stufen des Älterwerdens im Laufe eines Lebens. Es können auch herausfordernde Phasen sein, die uns in einem dieser Lebensabschnitte begegnen. Heiter bedeutet nicht nur optimistisch und mit Freude an den schönen Dingen. Heiter bedeutet auch Sorglosigkeit, spontanes und aktives Handeln, das sich nicht von Bedenken einengen oder ersticken lässt. Dazu gehört Mut und manchmal auch Tapferkeit. Denn Entwicklung ist auch immer gebunden ans Loslassen. Ans Weiterziehen. „Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne“. Das Leben ist Veränderung und alles hat seine Zeit, aber auch sein Ende, „darf nicht ewig dauern“. Schönheit entsteht nur im Gegensatz. Jede Phase, jeder Raum, jede Stufe ist wertvoll, aber muss auch vergänglich sein. Nur in diesem Bewusstsein erhält sie überhaupt ihren Wert.

Veränderung ist des Lebens Kern, alles ist im Fluss. Trotzdem bin ich nicht ausgeliefert, ich kann mir meine eigene Welt erschaffen, meine Richtung bestimmen. Hesse stellt hier den Geist über den Körper. Nicht das Alter ist entscheidend, sondern meine Einstellung dazu. Die Welt und mein Leben darin sind offen für alle Möglichkeiten, wenn ich mich ihnen zuwende. Darin liegt nicht nur Optimismus, sondern auch Hoffnung, die Kraft gibt, dem Herzen ins Unbekannte zu folgen.

Das Motiv des Weiterentwickelns und persönlichen Wachstums ist ein zentrales Motiv in Hesses Gedicht. „Stuf’ um Stufe“ gilt es zu erklimmen, vom Weltgeist entfesselt. Neugier vor Vorsicht walten lassen, keine Angst vor Richtig oder Falsch, und dabei den Blick schärfen. Nicht umkehren, wenn es schwierig wird. Es sich nicht in gewohnter Umgebung zu gemütlich machen. Wo bleibt da der Reiz, wo das Abenteuer? Das Leben will entdeckt werden! Neue Anfänge stellen mich auf eine harte Probe. Ich muss mich ins Unbekannte hinauswagen, die Kontrolle aufgeben, Ungewissheit aushalten, mich in neue Situationen einfinden, an neue Umstände gewöhnen. Aber das Geschenk der Chance überwiegt die Angst. 

‚Wohlan‘ drückt eine Aufforderung zur Tat aus. Es will sagen: ‚Los geht’s, zieh Deinen Weg!“. Schau dabei nicht zurück. Es ist nicht wichtig, was geschehen ist, nur was vor dir liegt und was du daraus machst. Nicht wehmütig soll man zurückschauen, sondern den Mut haben, auch Veränderungen anzunehmen, die man vielleicht nicht selbst herbeigeführt, ersehnt oder gewollt hat. Und trotzdem die Chance darin sehen. Nicht die Unsicherheit, sondern die Freiheit darin erkennen. Mutig möchte ich sein, offen auf neue Erfahrungen zuzugehen, mit dem Vertrauen, nicht an ihnen zu scheitern, sondern an ihnen zu wachsen. Dabei auf mich vertrauen und auch auf diesen Zauber, der jedem Anfang innewohnt, „der uns beschützt und uns hilft zu leben“.

Und so will ich bereit sein „zu Aufbruch und Reise“. Denn „des Lebens Ruf wird niemals enden“. Ihm will ich folgen.

– zappenduster –

Zappenduster. So fühlt sich der Blick ins Neue Jahr 2019 gerade an. Der erste Januar wie eine dunkle Stunde Null. Draußen regnet es und ich habe keine Vorstellung davon, was vor mir liegt. Ich schlage ein neues Kapitel auf. Eines, für das es noch kein Konzept gibt. Bisher hatte ich immer ein klares Ziel.

„Im nächsten Jahr musst du Neues lernen, viel schreiben, musst du dir Auszeiten gönnen, musst du durchhalten, einen Schlussstrich ziehen, musst du Fehler vermeiden und wenn sie nicht zu vermeiden sind, dann musst du daraus lernen, musst du glücklich sein oder zumindest so scheinen“

Ich muss, ich muss, ich muss .. muss .. muss. Und am Ende steht die Erkenntnis – all das führt nicht zum eigentlichen Glück. All die großen und kleinen Erfolge; all die Zeit und Nerven und Tränen, die ich dafür gab, zu erreichen, was ich mir einredete zu müssen – sie rinnen mir durch die Finger und nun stehe ich hier in der Nachtluft. Sehe den leuchtenden Lichtern der bunten Raketen zu, wie sie aufsteigen und in Schall und Rauch verpuffen. Auf ein Neues.

Für dieses Jahr habe ich nur einen Vorsatz: Aufhören, zu müssen. 

Ich weiß so wenig, wie noch nie zuvor, was mich erwartet. Kein Ziel, keine Richtung. Nun liegt es an mir  – soll Unsicherheit oder Freiheit meinen Kurs bestimmen? Da sind Furcht, Neugier, Verzweiflung und Mut in meinem Herzen, stehen Seite an Seite, halten sich an den Händen und können wohl nur zusammen gehen. Ich bin nicht allein, aber manchmal einsam. Geborgen und trotzdem manchmal ohne Hoffnung. Doch das Gute entsteht nur in seinen Gegensätzen. Das hat mich das vergangene Jahr 2018 gelehrt und diese Erkenntnis möchte ich mitnehmen; möchte auch meinen dunklen Momenten versöhnlich die Hand reichen. ‚Weil der Winter nur währt, damit man den Sommer sehnlicher begehrt‘. Das hat Shakespeare verstanden, und nun auch ich. 

Ich setze meinen Fuß ins zappendustere Unbekannte. Werde ich glücklich sein? Zum ersten Mal verstehe ich, dass diese Frage nicht daran gebunden ist, was ich beruflich mache oder wo ich lebe, wie viel Geld ich verdiene oder was ich mir davon kaufe. Es geht darum, dass die ersten warmen Sonnenstrahlen, die ich im Frühling auf meiner Nasenspitze werde kitzeln spüren so viel wertvoller sind und dass es so viel wichtiger ist, mich solchen Momenten hinzugeben. Momente, in denen ich an einem heißen Sommertag mit den Füßen im Rhein stehen werde und die kühle Strömung durch meine Zehen rinnt. Das Klingen unserer Weingläser, Sand auf meiner Haut und Meersalz in den Haaren. Polaroids und Kerzenlicht. Der Duft der Nacht, die Frische des Morgens, die Schwere des Abends. Alte Bekannte und neue Gesichter. Lachen und Weinen. Buntes Laub, aufgewirbelt von unseren Pirouetten im Herbststurm, knirschender Schnee und klirrende Kälte, Tannenduft. Das Leben ist ein Geschenk und das größte Wunder. Es hat verdient, dass ich das endlich sehe. Ich musst nichts, ich darf. Das ist ein Unterschied.

Werde ich glücklich sein? Ja, aber natürlich. Ich muss mich nur dazu entscheiden. Ein Schritt nach dem anderen, manchmal auch ein oder zwei zur Seite, vier zurück und dann die Drehung nicht vergessen. 5, 6, 7, 8. Dreh die Musik lauter. Aber bleib auch mal stehen und überdenke die Richtung. Vom Herz in den Bauch in den Kopf und dann raus. Mut für Überzeugungen. Mut, Unsicherheit anzunehmen, darauf einzugehen; weiterzumachen. Nicht auf alles reagieren zu müssen. Mich nicht ständig zu ermahnen. Abschiede zu akzeptieren. Groß zu träumen und klein anzufangen. Den Moment anzunehmen, ohne mir zu wünschen, ganz woanders zu sein. Genau hier bin ich richtig. Der Augenblick wird mich tragen. Nichts bedauern, barfuß weiterlaufen. Das Ganze mehr sein lassen, als die Summe seiner Augenblicke. Das Leben fest in meine Arme schließen. 

Es ist der erste Januar und hier stehe ich und sehe den leuchtenden Lichtern der Raketen zu. Auf ein Neues. Auf ein Unbekanntes. Auf die Freiheit.