Rezension: Wolfgang Koeppen – „Tauben im Gras

Scheinbar unzusammenhängende Episoden sind es, die nach und nach im Handlungsverlauf zusammengesetzt werden und das Bild einer deutschen Großstadt der Nachkriegszeit zwischen Kriegsende und Wirtschaftswunder zeichnen. Der Autor verzichtet dabei auf dominierende, tief entwickelte Protagonisten. Weder Leitfigur noch Gegenspieler definieren die Erzählung. Wie mit einer Kamera fängt Koeppen kleine Sequenzen dieses Tages nach dem Krieg ein. Alle Figuren sind in ihren unterschiedlichen Verflechtungen wie Tauben im Gras: „Die Vögel sind zufällig hier, wir sind zufällig hier, und vielleicht waren auch die Nazis nur zufällig hier […] vielleicht ist die Welt ein grausamer und dummer Zufall Gottes, keiner weiß warum wir hier sind“. Auch das beinahe völlige Fehlen positiver Schwerpunkte ist bezeichnend – bildet das Buch doch einen Querschnitt der gesellschaftlichen, politischen, moralischen und rassistischen Verhältnisse des Nachkriegsdeutschlands in einer Phase der geistigen Erneuerung ab. Kleinbürgerliche Verhältnisse werden säuberlich seziert und vor der Aussichtslosigkeit dieser Jahre ausgebreitet. Durch innere Monologe und plastische Vergleiche wird das Seelenleben dieser Gesellschaft von Isolation und Selbstzweifel bis zur Resignation verfolgt. Brüchige und prekäre Existenz, die hier in eine Lektüre verflochten wird, die ich allen Zeitgeschichte-Interessierten ans Herz legen möchte – nicht nur der aktuellen politischen Situation wegen, denn sie ist auch sprachlich ein Genuss!

In dieser Ausgabe erschienen im @Suhrkamp. [unbezahlte Werbung]

Begegnung an ‚dritten Orten‘ – die Bibliothek

Kippt das Monopol, das Bibliotheken jahrhundertelang innehatten, auf den festen Säulen des Wissensspeichers und kulturellen Gedächtnisses stehend? Klar, wer schnell eine Information braucht, der findet sie ruckzuck im Internet: die Schleusenwärter im digitalen Meer aus Daten öffnen rund um die Uhr bereitwillig ihre Tore, zumindest einen Algorithmen-Spaltbreit. Suchmaschinen lotsen uns auf unserem Kurs, der fast zwanghaft versucht, Irrelevantes im Rankingmechanismus zu umschiffen, das SEO-Steuer erleichtert die Navigation. Was sind da schon Bibliotheken mit begrenztem Regalplatz, denen es inzwischen sogar am Reiz der Opulenz historischer Lesesäle fehlt?!

– Unverzichtbar!

Obwohl meist in Zweckarchitektur hausend, sind Bibliotheken Orte der Begegnung, nicht nur für Buchrücken, vor allem für Menschen. Sich anpassend an die unterschiedlichsten Bedürfnisse vom Schulungsraum über den Arbeitsplatz bis hin zum Café sind sie nicht mehr nur bloße Zugriffsmöglichkeit und Ausleihstation für analoge Bildungsträger, das Wissen der Zeit und den Spiegel der Gesellschaft – sie können ein sozialer Anker in einer Stadt sein. Die Soziologie nennt sie die ‚dritten Orte’: Inseln, die vor der Küste treiben, an der sich Arbeit und Privatleben dicht aneinanderdrängen. Als kulturelles Wissenszentrum etabliert sich die moderne Bibliothek neu, die kollaborativ den Umgang mit einer sich permanent verändernden Medienlandschaft lehren kann. Das Stöbern durch den Bestand bietet reiche Anregung, fernab der üblichen Trampelpfade, auf die uns Wikipedia schickt. Bibliotheken sind neutrale, verlässliche Orte, die einen geordneten Kontext zum einzelnen Objekt eröffnen. Hier geht es nicht nur um die Rezeption, sondern auch um die produktive Verarbeitung und geistige Auseinandersetzung. Und besteht nicht ihre Aufgabe eigentlich gerade darin, in ihren düsteren Reihen überraschend zu finden, was man gar nicht gesucht hat?

Strahov Library in Prag

Rezension: Benedict Wells – „Vom Ende der Einsamkeit“

Diesem Buch muss man Zeit geben – während des Lesens und auch danach. Es muss wirken, viele Passagen öffnet es erst beim zweiten Lesen. Tief berührt lässt es mich zurück in der Blase aus Melancholie mit Hoffnungsschimmer, die es erzeugt und die nicht sofort zerplatzt, als der Deckel zu dieser Welt zuklappt. Sie hüllt mich noch eine Weile ein.

Benedict Wells lässt seinen Leser drei Geschwister im Idyll ihrer Kindheit kennenlernen – zwischen Münchner Großstadtflair und den sommerlichen Besuchen bei der französischen Großmutter. Er fängt in den Erinnerungen des Protagonisten Jules viele kleine Glücksmomente ein, dann folgt der Bruch. Nach dem tödlichen Unfall der Eltern erleben die Geschwister eine Jugend, die von der Düsternis, der Kälte und Einsamkeit des Internats geprägt ist, in dem sie fortan aufwachsen und von dem aus sich nun ihre Lebensgeschichte neu entfaltet. 

Einfühlsam und ruhig erzählt Wells von Schmerz und Verlust, von der Trauerbewältigung, dem unterschiedlichen Prozess des Verarbeitens nach traumatischen Erlebnissen und von der Liebe. In sorgfältiger, chronologischer Montage, geradliniger Dramaturgie und erzählerischer Knappheit beschreibt der Autor den Weg einer vielschichtigen Bewusstwerdung und Selbstfindung. Die feine Darstellung des Zurückfindens in ein Leben, das ganz anders hätte verlaufen sollen, mündet bei diesem stillen, tiefgründigen Drama in der Frage nach Identität. Was bleibt nach einem solchen Erlebnis von einem Menschen übrig? Wie geht es weiter und was wäre wenn? Wie wird ein Leben zu dem, was es wird? Neben der geschwisterlichen Verbindung steht die Liebe zwischen Jules und seiner Jugendfreundin Alva im Vordergrund, die erst spät zueinanderfinden. In Auseinandersetzung mit entglittenen Jahren, verpassten Chancen, persönlichen Hindernissen und Trauer, schaffen es die beiden, letztendlich doch noch an ihrer Liebe festzuhalten und während ihrer Sehnsucht und Suche nach Beständigkeit zu erkennen: Glück und Schmerz, Angst und Mut, Unentschlossenheit und Bewegung, Traurigkeit und Schönheit gehen Hand in Hand und tragen die Schatten der Vergangenheit.

Der Umgang mit dem Schicksal entfaltet sich hier zu einer Liebesgeschichte, die ganz ohne Kitsch und Klischee auskommt. Auch die melancholische Grundstimmung wird nie durch zu viel jammerndes Selbstmitleid gestört. Wundersam traurig und optimistisch zugleich, gefüllt mit jeder Menge Musik und literarischen Zitaten legt Wells hier ein wunderschönes, aufbauendes Buch vor, welches mich in seinem bisherigen Werk am meisten überzeugt.

Rezension: Bernhard Schlink – „Olga“

Als ich das Buch zuklappe, streiche ich noch einmal über den Einband aus blauem Stoff. Es hat mich berührt und ich möchte sie noch nicht loslassen, diese starke Frau, der ich gut 80 Jahre Zeitgeschichte hindurch über die Schulter gesehen habe.

Bernhard Schlink erzählt von Olga Rinke, einem Mädchen aus armen Verhältnissen, das den anderen lieber zuschaut als mitspielt. Diese Eigenschaft wird charakteristisch für ihr Leben werden, doch zunächst wird sie nach dem Tod ihrer Eltern zur harschen Großmutter nach Pommern geholt. Dort lernt sie Herbert kennen, den Sohn eines reichen Gutsbesitzers, schließt Freundschaft mit ihm. In der Schule zeigt Olga sich begabt, möchte Lehrerin werden. Als ihr versagt wird, auf die höhere Mädchenschule zu gehen, eignet sie sich den Stoff für die Prüfung selbst an, entflieht dafür häufig der beengten Atmosphäre des Hauses ihrer Großmutter auf Wiesen und Felder. Dort trifft sie sich häufig mit Herbert, beide verlieben sich ineinander.

Es ist eine anfangs innige, zunehmend tragische Liebesgeschichte, die Schlink vor einem Panorama deutscher Historie schildert. Angefangen im Kaiserreich des späten 19. Jahrhunderts verfolge ich das Leben dieser willensstarken Protagonistin bis in die 1970er Jahre. Oft setzt sie sich gegen widrige Umstände durch und tut, was sie für richtig hält – oft hält sie jedoch auch ihre Überzeugungen zurück, ohne in den Lauf der Dinge einzugreifen. Die klare Gliederung des Romans ermöglicht dabei verschiedene Blickwinkel. Im ersten der drei Teile schreibt Schlink aus auktorialer Sicht. Olgas Liebesbeziehung zu Herbert ist von seiner Getriebenheit bestimmt. Nie hält es ihn an Ort und Stelle, immer strebt er nach der Ferne. Als deutscher Patriot meldet er sich zum Militäreinsatz in Deutsch-Südwestafrika. Seine Reise ist zugleich auch eine Flucht – vor dem Gut der Familie, das er mit einer standesgemäßen Frau an seiner Seite übernehmen soll; vor den Eltern, die seine Beziehung zu Olga ablehnen, für die oder gegen die er sich entscheiden muss, aber diese Entscheidung nicht zu treffen vermag. Diese Reise ist jedoch auch Ausdruck des seit Bismarck immer wiederkehrenden deutschen Größenwahns, welcher eines der Leitmotive des Romans darstellt. 

Er beschloss, ein Übermensch zu werden, nicht zu rasten und nicht zu ruhen, Deutschland groß zu machen und mit Deutschland groß zu werden, auch wenn es ihm Grausamkeit gegen sich und andere abverlangte. Olga fand die großen Worte hohl.

Zwei Weltkriege entspringen diesem Wahn, aber auch eine verhängnisvolle Expedition in die Arktis, zu welcher Herbert megalomanisch aufbricht; unvorbereitet und zu spät, der Wintereinbruch wird zum Verhängnis. Nach jahrelangem Warten, Bangen und Hoffen muss Olga erkennen: Er wird nicht aus dem Norden zu ihr zurückkehren. Lange ist sein Tod ihr nicht greifbar, sie schreibt weiterhin Briefe an ihn in den Norden. Als sie die Toten des ersten Weltkrieges sieht, begreift sie den Unterschied des Fern- und Todseins. Mehrfach flicht Schlink dieses Motiv in die Handlung ein, dieses fatale „Alles-zu-groß-Wollen“, das deutsche Heldentum. 

Olga steht dieser ‚deutschen Neigung’, dieser und auch späteren Zeiten voll politischer Radikalität als eine friedfertige Frau entgegen, die versucht, sich ein selbstbestimmtes, freies Leben zu erkämpfen. Sie beobachtet auf ihrem Weg die fatalen Formen von Männlichkeit – nicht nur in Herbert, dessen Größenwahn Olga sieht, aber dessen Sehnsucht nach der Weite, nach dem Übermäßigen sie gleichzeitig bewundert. Diesem Zwiespalt begegnet sie später auch noch einmal in der Beziehung zu ihrem Sohn, der für die SS arbeitet. Als redliche Frau, die den Nationalsozialismus schon instinktiv ablehnt, stellt sich ihr hier eine Schuldfrage, die auch ein wichtiges Motiv des Romans darstellt und immer verbunden ist mit inniger Liebe, die dahinter und auch oft im Gegensatz dazu steht – Olga bricht mit ihrem Sohn. Aufgrund ihrer Differenzen mit dem Regime muss sie auch die Stellung als Lehrerin aufgeben.

1945 flieht Olga in den Westen. Inzwischen ertaubt lebt sie im zweiten Teil des Buches als Näherin in einem Pfarrhaushalt in Heidelberg. Es folgt ein Perspektivwechsel – nun übernimmt der jüngste Sohn der Familie die Erzählung, welcher zu ‚Fräulein Rinke’ eine innig-freundschaftliche Beziehung pflegt, die bis zu Olgas Tod bestehen wird. Ferdinand wird von Schlink als eine Gegenfigur zu Olgas Mann und Sohn konzipiert. Er ist ein moderner Mann, friedlich, genügsam, durchschnittlich. Er wird zu ihrem Chronisten, schreibt ihre Geschichte auf, findet nach ihrem Tod Briefe, die sie nach Herberts Verschwinden in den Norden schickte.

Die Sammlung der Briefe macht den dritten Teil des Romans aus – hier ergreift nun Olga selbst das Wort. In ihren Briefen wird ihre große Sorge, ihre Sehnsucht, ihr Zorn deutlich. Sie geben den Blick frei auf das, was sie in ihrem Herzen bewegt und immer für sich behalten hat, auf ihre innerliche Zerrissenheit darüber. Sie zeichnen das Bild dieser Frau zu Ende.

Ich vermisse Dich bei allem, was wir gemeinsam gemacht haben und was ich jetzt alleine mache. […] Du bist weg, aber Du tust weh, als seist du noch da.

Es ist ein stilles Bild. Ein schnörkelloses, aber emotionales Bild des Lebens einer Frau, die den Sinn politischer Ereignisse häufig hinterfragte, nach Selbständigkeit strebte, sich nicht von Konvention beeinflussen ließ. Insofern auch ein ungewöhnliches Bild einer Frauenfigur des beginnenden 20. Jahrhunderts, in einer Generation von Frauen, die meist unter ihren Möglichkeiten lebten. Allerdings finden sich auch Merkmale dieser Generation in Olga. Sie begehrt nie gegen ihren Mann auf, akzeptiert die Umstände ihres Lebens mit ihm, in dem er so oft fehlt. Stellt ihre eigenen Bedürfnisse hinter seinen zurück, lebt ein Leben des Auf-ihn-Wartens, selbst wenn sie die Zeit des Wartens mit ihrem selbstbestimmten Leben füllt. Erst in ihren Briefen vermag sie ihre wahren Gefühle mitzuteilen, die mich emotional mehr bewegt und tiefer berührt haben, als ich es zunächst vermutete. Auch war ich betroffen über all die Verluste, Abschiede und vor allem diese bedingungslose Liebe, die immer leidenschaftlich, aber in gewisser Weise ungelebt blieb. Diese starken Emotionen werden in den Mantel einer Auseinandersetzung mit Schuld, Sühne und dem Sinn des Lebens gehüllt. 

Bis zu ihrem Tod überragt Olga aufrecht die Höhen und Tiefen ihres Lebens und regt in dieser intensiven, vielschichtigen Lektüre zum Nachdenken an: über verpasste Chancen und abgeschnittene Wege, Loyalität und Zufriedenheit, Selbstbestimmung und Selbstaufgabe, über die Schlichtheit und die Größe des Lebens, über Tragik und Glück, die oft Hand in Hand gehen und uns trotzdem nicht aufgeben lassen, zu lieben.

Heißa, Hopsa, Karlsson!

„Das stört keinen großen Geist!“ – Der liebste Spruch Karlssons vom Dach. Ich setze mich in der letzten Zeit wieder sehr mit dem Werk Astrid Lindgrens auseinander und entdecke es neu für mich – denn auch Kinderliteratur (oder vielleicht eben gerade diese) birgt manchmal die größten Weisheiten und die interessantesten Sichtweisen, die ich nun, wo ich erwachsen bin, noch einmal anders lese und anders verstehe.

Früher mochte ich Karlsson nicht. Ich habe ihn immer als nervigen Störenfried empfunden, der egoistisch und chaotisch die Welt aus ihren Fugen geraten lässt und mit einem genüsslich-höhnischen Gelächter absichtlich umwirft. Eine Verhaltensweise, die mir immer sehr fremd war. Ich orientierte mich lieber an der Vitalität und Lebenslust Ronja Räubertochters, bewunderte Pipi Langstrumpfs Selbstbewusstsein und ihre Großzügigkeit und sehe jetzt: davon steckt auch ganz viel in Karlsson vom Dach.Sicher hat Astrid Lindgren hier einen echten Antihelden geschaffen. Viel radikaler und frecher als Michel, viel eigennütziger und selbstzufriedener als Pipi, kein Lausejunge oder -mädchen mehr, sondern schon eher ein berechnender Verschwörer. Wohin Karlsson mit seinem Propeller auf dem Rücken geflogen kommt, herrscht Anarchie und Chaos. Den Alltag des kleinen Lillebrors aus Stockholm bringt er jedenfalls gehörig durcheinander. Und dabei dennoch liebenswert.

„Ich bin ein schöner
und grundgescheiter
und gerade richtig dicker Mann
in meinen besten Jahren
und der beste Karlsson der Welt
in jeder Weise!“

Aus: Astrid Lindgren, Karlsson vom Dach

Was für ein unerschütterliches Selbstbewusstsein! Jedes Problem weist er mit einem unbeschwerten „Das stört doch keinen großen Geist“ von sich. Über Kleinigkeiten regen sich eben nur Kleingeister auf – Karlsson jedenfalls kümmern Ordnung und Sauberkeit nicht die Bohne. Auch wenn Astrid Lindgren nie sein Alter nannte, so wird doch klar, dass er ein kleiner, dicker Mann ist, ein Erwachsener also, der sich wie ein Raufbold und Taugenichts verhält. Und gleichzeitig ist er ein unvergleichlicher Freigeist. Die Faszination des kleinen Jungen Lillebrors für diesen Mann vom Dach wird damit klar: Er steht zwischen ihm und seinen Eltern, lebt in seiner eigenen kleinen Welt. Er wagt auszusprechen, was Lillebror nicht mal zu denken träumt. 

Karlsson vom Dach ist nicht im ersten Moment ein Sympath. Er stopft Sahnetorten und Fleischklöße in sich hinein, ist angeberisch und verlogen, verhält sich verantwortungslos und nachlässig. Er kennt keine Sorgen, er kennt nur den Spaß. Dabei weiß er jedoch immer um seine Grenzen, geht nie einen Schritt zu weit, nie widerfährt ihm wirklich etwas Schlimmes, nie ist er zu kopflos, sondern behält immer die Kontrolle. Er lebt allein, bestimmt über sich selbst, ist unabhängig und verkörpert im Grunde in vielen Dingen das Verbotene, das gesellschaftlich nicht Akzeptierte – ohne dabei jedoch Lillebror aus seinen eigenen Bahnen zu werfen. Im Gegenteil ist es so, dass das Gefühl des kleinen Jungen für das, was richtig und falsch ist, durch die moralischen Verstöße des Mannes eher gefestigt und sicherer wird.

Er zeigt damit, worum es geht; was manchmal am wichtigsten ist und vermittelt die richtigen Maßstäbe: Es geht darum, die eigene Welt etwas durcheinanderzuwerfen, Chaos im Kopf zu machen, neu zu sortieren, neu zu gestalten. Sorgen über Bord zu werfen, Wünschen und Bedürfnissen nachzugehen, das Leben herauszufordern und einfach mal nur das zu tun, was man will, sich frei machen von Konvention. Ich finde, Karlsson rückt das Bild gerade. Er schafft Sicherheit durch Unsicherheit, verweist darauf, worum es geht, vermittelt Respekt vor Individualität. Er zeigt, dass man nicht zwangsläufig die Kontrolle verliert, wenn man sich mal ein paar Meter fallen lässt, dass Sorglosigkeit kein Kontrollverlust sein muss, dass man trotzdem die Zügel des Lebens fest in der Hand behalten kann, auch wenn man die Dinge etwas leichter nimmt.

Heißa Hopsa!

Die Zeit

Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!
Sie zu halten, wäre das Problem.
Denn, wen ängstigts nicht: wo ist ein Bleiben,
wo ein endlich Sein in alledem? –

Sieh, der Tag verlangsamt sich, entgegen
jenem Raum, der ihn nach Abend nimmt:
Aufstehn wurde Stehn, und Stehn wird Legen,
und das willig Liegende verschwimmt –

Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; –
aber auch in ihnen flimmert Zeit.
Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt
obdachlos die Unvergänglichkeit.

Rainer Maria Rilke, Aus dem Nachlaß des Grafen C. W. (Nachlaß)

Ein Zeichen

Gieb deinem Herzen ein Zeichen, 
daß die Winde sich drehn. 
Hoffnung ist ohne gleichen 
wenn sie die Göttlichen sehn. 

Richte dich auf und verharre 
still in dem großen Bezug; 
leise löst sich das Starre, 
milde schwindet der Bug. 

Risse entstehn im Verhängnis 
das du lange bewohnt, 
und in das dichte Gefängnis 
flößt sich ein fühlender Mond. 

Aus: Rainer Maria Rilke, Die Gedichte 1922 bis 1926 (Entwürfe; Muzot, Februar 1924)

Kleine Reise in die Vergangenheit

Diese Geschichte schrieb ich mit 11 Jahren. Ich weiß noch, wie ich in meinem Zimmer an einem der alten, doppelten Fenster saß und nach draußen schaute, auf die Apfelbäume in unserem Garten, mir Geschichten ausdachte und die Worte aus meinen Gedanken aufs Papier fließen ließ. Ich habe als Kind viele solcher Geschichten geschrieben – diese hier ist leider eine der wenigen, die ich aufgehoben habe. Sie fühlt sich an wie ein Fragment aus einer anderen Zeit; eine Zeit, die ich manchmal sehr vermisse, weil sie so unbeschwert, frei und voller Fantasie war. Mein Leben hat mich seit dem oft an meine Grenzen gebracht. Wenn ich manchmal etwas wehmütig in die Vergangenheit blicke, erinnere ich mich gerne an ein Zitat von Sergej Jessenin, das mich immer wieder Frieden mit der Vergänglichkeit schließen und solche schwermütige Gedanken ziehen lässt:

Ich trauere nicht, ich rufe nicht, ich weine nicht – Alles verfliegt wie weisser Rauch aus Apfelgärten.

Sergej Jessenin, zitiert nach Swetlana Geier in „Die Frau mit den 5 Elefanten“

Der Mondsteinprinz

Es war das Jahr, in dem die Apfelblüten vor meinem Fenster besonders dufteten. Ich schnitt jeden Abend einen Zweig ab und stellte ihn in eine Vase an mein Bett. So schlief ich immer mit einem Hauch von Apfel ein. Als ich an diesem Morgen aufwachte, schien die Sonne in mein Zimmer. Mutter klapperte unten mit dem Frühstücksgeschirr. Ich stieg aus dem Bett und stellte mich ans Fenster, sog die frische Frühlingsluft in mich ein. Blickte auf den Rosengarten vor dem Haus hinunter, auf die Allee aus Apfelbäumen, die zur Straße hinunter führte; auf den See dahinter, dessen Wasser nachts im Mondschein immer so wunderschön glitzerte. Heute war mein Geburtstag!

Anlässlich meines besonderen Tages hatte Mutter einen besonderen Gast eingeladen. Am Nachmittag sollte meine Freundin Kaisa kommen. Ich tanzte durch das Zimmer und zog mir ein festliches Kleid über mein Untergewand, weiß mit einer goldenen Kordel. Wie jeden Morgen strich ich mit dem Finger über das kleine eingravierte Hufeisen über meiner Tür, wie um mich von meinem Zimmer zu verabschieden. Ich lächelte bei seinem Anblick und stieg die schmale Treppe in die geräumige Küche hinunter. Es gab Torte und Kakao. Ein kleines Lüftchen wehte durch das angelehnte Fenster herein, sodass sich die weiße Tischdecke in seinem Zuge leicht anhob. Nach dem Frühstück unternahm ich einen Spaziergang durch den Rosengarten, dessen Knospen noch nicht erblüht waren. Auf dem Weg zu den Ställen rief ich unserem alten Kutscher zu und half ihm, die Pferde zu füttern. Meine Hände glitten über den warmen Hals meiner Araberstute Fauna. Freundlich schnaubte sie und ich streichelte vorsichtig ihre weißen Nüstern. Der alte Kutscher brachte mir den Sattel und als wir los ritten, machte Fauna solche Freudensprünge, dass ich sie zügeln musste.

Ich lenkte sie in den Pfad, der zu dem See führte, den ich von meinem Fenster aus sehen konnte. Ich stieg ab, um eine Seerose zu pflücken, die am Uferrand wuchs und ließ das Pferd frei auf der Wiese herumtollen. Als ich vom Dorf die Glocken hörte, die die Mittagsstunde einläuteten, pfiff ich es zurück und wir ritten gemächlich zum Herrenhaus zurück. Nach dem Essen wartete meine Gouvernante bereits. Bevor mein Gast kam, musste ich an diesem Tag Französisch studieren und auch die Kräuter in unserem Kräutergarten. Doch schon schellte die große Glocke vom Portal her und wir eilten, um die Kommende in Empfang zu nehmen. Mit schwerem Knacken öffnete sich das Tor, dahinter hörte ich bereits Kaisa aufgeregt meinen Namen rufen. Wir fielen uns in die Arme und sie gab mir ein kleines Päckchen.

Wir zogen uns in die kleine Laube am Rosengarten zurück und ich öffnete vorsichtig mein Geschenk. Es war etwas kleines, hartes, in Watte eingepackt. Als ich die Watte von der Befestigung löste, rollte ein kleiner, silbergrauer Mondstein in meine Hand. Kaisa sagte, man müsse den Stein bei Vollmond ins Wasser des Sees tauchen. „Das bringt Glück!“, verriet sie mir verschmitzt lächelnd. Den Nachmittag und Abend verbrachten wir in großer Aufregung und als die Turmuhr des nachts endlich 12 schlug, zogen wir heimlich still und leise unsere Schnürschuhe an und warfen uns Mäntel über die weißen Nachtgewänder.

Wir eilten über das Gras zum See hinunter, unsere Schuhe wurden ganz feucht vom Tau. Das Wasser glitzerte im Mondschein. Ich genoß diesen Anblick einen Moment lang, dann fasste Kaisa mich bei der Hand. Wir schritten langsam zum Ufer hinunter, doch da war schon jemand. Ich stieß einen leisen Schrei aus und der Mensch am Wasser drehte sich um. Ich wollte laufen, doch Kaisa hielt mich zurück. Ein junger Mann lächelte uns entgegen, sein Haar war von silbrigem Schein: „Ich habe schon auf euch gewartet!“. Ich sah Kaisa ungläubig an, doch sie nickte mir auffordernd zu. Der Jüngling führte uns zum Ufer hinunter und als ich meinen Stein ins kühle Wasser tauchte, da verriet er: „Ich bin der Mondsteinprinz. Ich war bisher nur ein Geist, doch in dieser Nacht werde ich zum Menschen, um meine Bestimmung zu erfüllen. Du sollst mir dabei helfen. Doch an meiner Stelle muss sich ein anderer für mich opfern und selbst für immer zu einem Geist werden, bis dass er so wie ich durch ein Mondsteinmädchen erlöst werde“. „Wer tritt an deine Stelle?“, hauchte ich zaghaft und atemlos und ein Schauer lief mir über den Rücken, weil es mir plötzlich klar wurde. Ich drehte mich nach Kaisa um, doch sie war schon verschwunden.