Rezension: Paul Watzlawick – „Anleitung zum Unglücklichsein“

Leiden kann ja so schön sein – was aber tun, wenn sich das Glück anzubahnen droht? Watzlawicks Geschichten bieten die Lösung und zeigen, wie man den noch so kleinsten Funken aufblitzender Zufriedenheit direkt im Keim erstickt. Fortan kann weiter friedlich auf dem See des Weltschmerzes geschippert werden. Durch die sinnverkehrte Blume serviert der Philosoph seinem Leser in einem Best-Of der Neurosen jede dringend benötigte Unglückslösung und führt mit systematischem Regelwerk zu dauerhafter Unzufriedenheit. Negative Denkmuster machen’s möglich. Dieses Buch hält einen großen Spiegel vor – und der reflektiert ein Augenzwinkern.

„Warum fällt es uns bloß so schwer, einzusehen, daß das Leben ein Nichtnullsummenspiel ist? Daß man daher gemeinsam gewinnen kann, sobald man nicht mehr davon besessen ist, den Partner besiegen zu müssen, um nicht besiegt zu werden? Und – für den routinierten Nullsummenspieler ganz unfaßlich – daß man sogar mit dem großen Gegenspieler, dem Leben, in Harmonie leben kann?“ 

„When in doubt, go to the library.“

„When in doubt, go to the library.“

– Hermione Granger

Goldenes Herz und messerscharfer Verstand – Hermine ist die klügste junge Hexe in der Zauberergesellschaft des Rowling-Universums. Spätestens im dritten Teil der Reihe festigt sie ihren Platz im Goldenen Trio mit Harry und Ron endgültig. „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ ist ein Roman des Umbruchs, gewidmet der Auseinandersetzung mit Zeit. Die Figuren befinden sich im Wandel, werten zuvor bestandene Verhältnisse um und erheben sich zu charakterstarken Persönlichkeiten. Schwerfällig taumelt die gigantische Schlossuhr in ihrem alten Gefüge; rasend schnell drehen sich die Stunden in Hermines Zeitumkehrer und überlisten die bisherige Ordnung. Immer mehr tritt sie nun als dominante Figur hervor. War sie bisher die besserwisserische, mehr zufällig in Abenteuer Verwickelte, erhält sie zunehmend den Überblick über das Ganze und die Summe seiner Teile. Auf Harry laufen die Fäden der Geschichte zu, Hermine lenkt sie in ihren Bahnen. Sie ist es, die ihre Welt hinterfragt und nicht nur freundschaftlichen Rat erteilt, sondern auch in die zeitgenössischen Geschehnisse eingreift und eine verbindende Instanz im Kampf gegen das Böse bildet. Ob Initiierung von Harrys Gründung der DA oder eine Kampagne für Elfenrechte – Hermine dreht am Rad der Geschichte und weiß genau – um sie zu gestalten, muss man aus ihr lernen. Mit dieser akademischen Motivation, gemischt mit persönlichen Überzeugungen und dem Mut, ihr oft noch unerprobtes Wissen im entscheidenden Moment zur Anwendung zu bringen, inspiriert sie hoffentlich nicht nur ihre Freunde im Buch, sondern auch uns dazu, zu verstehen und zu verändern, bevor es zu spät ist.

„Formulierung ist heilsam“ – Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke

Die Jahreszeiten wandern durch die Wälder.
Man sieht es nicht. Man liest es nur im Blatt.
Die Jahreszeiten strolchen durch die Felder.
Man zählt die Tage. Und man zählt die Gelder.
Man sehnt sich fort aus dem Geschrei der Stadt.


Das Dächermeer schlägt ziegelrote Wellen.
Die Luft ist dick und wie aus grauem Tuch.
Man träumt von Äckern und von Pferdeställen.
Man träumt von grünen Teichen und Forellen.
Und möchte in die Stille zu Besuch.


Die Seele wird vom Pflastertreten krumm.
Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden
und tauscht bei ihnen seine Seele um.
Die Wälder schweigen. Doch sie sind nicht stumm.
Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden.


Man flieht aus den Büros und den Fabriken.
Wohin, ist gleich! Die Erde ist ja rund!
Dort, wo die Gräser wie Bekannte nicken
und wo die Spinnen seidne Strümpfe stricken,
wird man gesund.

Erich Kästner – Die Wälder schweigen

Kästners kleine lyrische Hauspotheke widmet sich der Behandlung des Seelenlebens – manchmal helfen eben weder Kamillentee, Wadenwickel noch Zinksalbe. Was bewirken Pflaster, Baldrian und Tinktur schon gegen Einsamkeit, verloren geglaubte Jugend oder Lebensüberdruss? Nützt das Gurgeln mit Salzlösung auch bei zerbrochenen Herzen und verschafft ein Kirschkernkissen Abhilfe bei Heimweh? Linderung bringt hier manchmal nur eines – Humor, Ironie, Kontemplation, Parodie, Übertreibung, welche Kästner durch seine Gedichte sorgsam in kleine Fläschchen füllt; ganz ohne Beipackzettel, die Dosis bestimmt der Empfindungsgrad. „Es tut wohl, den eignen Kummer von einem andren Menschen formulieren zu lassen. Formulierung ist heilsam.“

Begegnung mit Kafka

„Es ist ein wenig trüb in Prag, es ist noch kein Brief gekommen, das Herz ist ein wenig schwer. Es ist zwar ganz unmöglich, dass ein Brief schon hier sein könnte, aber erkläre das dem Herzen.“ – Brief Kafkas an Milena Jesenská

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Das Wochenende habe ich in Prag verbracht. Nicht nur fängt gerade alles an zu blühen in dieser wunderschönen Stadt an der Moldau; voll bröckelnder Fassaden einst imposanter Jugendstil-Architektur. Auch ist sie ein Ort der Spurensuche, die mich durch die kleinen schmalen Gassen und später ins Kafka-Museum führt. Seine Briefe und Tagebücher dokumentieren ein Leben, das von Einsamkeit und einem tiefen Wunsch nach Reflexion geprägt scheint. Sie zeichnen einen Versuch des Durchbrechens sozialer Isolation und der Simulation lebendigen Kontakts. Den Brief an den Vater hat dieser nie gelesen, dennoch enthält er akribische Korrekturen, literarische Gestaltung und den Versuch, die richtigen Worte zu finden, um zu sagen, was nie gehört werden wird. Frei von Floskeln scheinen die Schriften eher der Gedankenordnung, Selbstvergewisserung und Erinnerung zu dienen, sogar kleine Notizen sind literarisch überformt. „I am nothing but literature and can and want to be nothing else“. Kafka lässt vor seinem Tod einen Freund versprechen, all diese Dokumente zu verbrennen, zur Veröffentlichung hatte er weder Briefe noch Tagebücher bestimmt.

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Lange habe ich keinen rechten Zugang zu Kafkas Werk finden können, unerklärlich war mir der Mythos des Unerklärlichen, der sich um ihn rankt. Seine Schriften aus Briefen und Tagebüchern eröffnen mir jedoch eine neue Sicht auf die Welt, die sich dahinter verbirgt. Er selbst betonte in seinen Korrespondenzen häufig, mit seinen Werken nichts bewirken zu wollen und so sind sie offenbar weniger ein Spiegelbild, Symbol oder Allegorie für religiöse Vorstellungen, soziale Phänomene und gesellschaftlicher Zustände. Sie scheinen vielmehr wie ein persönlicher Verarbeitungsprozess tiefer Melancholie, wie ein Kampf gegen Selbstkritik und Depression und als Versuch, einen Umgang mit dem Leben zu finden. Aus diesem Urlaub bringe ich kein neues Buch als Andenken mit – dafür aber eine neue Perspektive auf ein ganzes Lebenswerk.

Heißa, Hopsa, Karlsson!

„Das stört keinen großen Geist!“ – Der liebste Spruch Karlssons vom Dach. Ich setze mich in der letzten Zeit wieder sehr mit dem Werk Astrid Lindgrens auseinander und entdecke es neu für mich – denn auch Kinderliteratur (oder vielleicht eben gerade diese) birgt manchmal die größten Weisheiten und die interessantesten Sichtweisen, die ich nun, wo ich erwachsen bin, noch einmal anders lese und anders verstehe.

Früher mochte ich Karlsson nicht. Ich habe ihn immer als nervigen Störenfried empfunden, der egoistisch und chaotisch die Welt aus ihren Fugen geraten lässt und mit einem genüsslich-höhnischen Gelächter absichtlich umwirft. Eine Verhaltensweise, die mir immer sehr fremd war. Ich orientierte mich lieber an der Vitalität und Lebenslust Ronja Räubertochters, bewunderte Pipi Langstrumpfs Selbstbewusstsein und ihre Großzügigkeit und sehe jetzt: davon steckt auch ganz viel in Karlsson vom Dach.Sicher hat Astrid Lindgren hier einen echten Antihelden geschaffen. Viel radikaler und frecher als Michel, viel eigennütziger und selbstzufriedener als Pipi, kein Lausejunge oder -mädchen mehr, sondern schon eher ein berechnender Verschwörer. Wohin Karlsson mit seinem Propeller auf dem Rücken geflogen kommt, herrscht Anarchie und Chaos. Den Alltag des kleinen Lillebrors aus Stockholm bringt er jedenfalls gehörig durcheinander. Und dabei dennoch liebenswert.

„Ich bin ein schöner
und grundgescheiter
und gerade richtig dicker Mann
in meinen besten Jahren
und der beste Karlsson der Welt
in jeder Weise!“

Aus: Astrid Lindgren, Karlsson vom Dach

Was für ein unerschütterliches Selbstbewusstsein! Jedes Problem weist er mit einem unbeschwerten „Das stört doch keinen großen Geist“ von sich. Über Kleinigkeiten regen sich eben nur Kleingeister auf – Karlsson jedenfalls kümmern Ordnung und Sauberkeit nicht die Bohne. Auch wenn Astrid Lindgren nie sein Alter nannte, so wird doch klar, dass er ein kleiner, dicker Mann ist, ein Erwachsener also, der sich wie ein Raufbold und Taugenichts verhält. Und gleichzeitig ist er ein unvergleichlicher Freigeist. Die Faszination des kleinen Jungen Lillebrors für diesen Mann vom Dach wird damit klar: Er steht zwischen ihm und seinen Eltern, lebt in seiner eigenen kleinen Welt. Er wagt auszusprechen, was Lillebror nicht mal zu denken träumt. 

Karlsson vom Dach ist nicht im ersten Moment ein Sympath. Er stopft Sahnetorten und Fleischklöße in sich hinein, ist angeberisch und verlogen, verhält sich verantwortungslos und nachlässig. Er kennt keine Sorgen, er kennt nur den Spaß. Dabei weiß er jedoch immer um seine Grenzen, geht nie einen Schritt zu weit, nie widerfährt ihm wirklich etwas Schlimmes, nie ist er zu kopflos, sondern behält immer die Kontrolle. Er lebt allein, bestimmt über sich selbst, ist unabhängig und verkörpert im Grunde in vielen Dingen das Verbotene, das gesellschaftlich nicht Akzeptierte – ohne dabei jedoch Lillebror aus seinen eigenen Bahnen zu werfen. Im Gegenteil ist es so, dass das Gefühl des kleinen Jungen für das, was richtig und falsch ist, durch die moralischen Verstöße des Mannes eher gefestigt und sicherer wird.

Er zeigt damit, worum es geht; was manchmal am wichtigsten ist und vermittelt die richtigen Maßstäbe: Es geht darum, die eigene Welt etwas durcheinanderzuwerfen, Chaos im Kopf zu machen, neu zu sortieren, neu zu gestalten. Sorgen über Bord zu werfen, Wünschen und Bedürfnissen nachzugehen, das Leben herauszufordern und einfach mal nur das zu tun, was man will, sich frei machen von Konvention. Ich finde, Karlsson rückt das Bild gerade. Er schafft Sicherheit durch Unsicherheit, verweist darauf, worum es geht, vermittelt Respekt vor Individualität. Er zeigt, dass man nicht zwangsläufig die Kontrolle verliert, wenn man sich mal ein paar Meter fallen lässt, dass Sorglosigkeit kein Kontrollverlust sein muss, dass man trotzdem die Zügel des Lebens fest in der Hand behalten kann, auch wenn man die Dinge etwas leichter nimmt.

Heißa Hopsa!

Kleine Reise in die Vergangenheit

Diese Geschichte schrieb ich mit 11 Jahren. Ich weiß noch, wie ich in meinem Zimmer an einem der alten, doppelten Fenster saß und nach draußen schaute, auf die Apfelbäume in unserem Garten, mir Geschichten ausdachte und die Worte aus meinen Gedanken aufs Papier fließen ließ. Ich habe als Kind viele solcher Geschichten geschrieben – diese hier ist leider eine der wenigen, die ich aufgehoben habe. Sie fühlt sich an wie ein Fragment aus einer anderen Zeit; eine Zeit, die ich manchmal sehr vermisse, weil sie so unbeschwert, frei und voller Fantasie war. Mein Leben hat mich seit dem oft an meine Grenzen gebracht. Wenn ich manchmal etwas wehmütig in die Vergangenheit blicke, erinnere ich mich gerne an ein Zitat von Sergej Jessenin, das mich immer wieder Frieden mit der Vergänglichkeit schließen und solche schwermütige Gedanken ziehen lässt:

Ich trauere nicht, ich rufe nicht, ich weine nicht – Alles verfliegt wie weisser Rauch aus Apfelgärten.

Sergej Jessenin, zitiert nach Swetlana Geier in „Die Frau mit den 5 Elefanten“

Der Mondsteinprinz

Es war das Jahr, in dem die Apfelblüten vor meinem Fenster besonders dufteten. Ich schnitt jeden Abend einen Zweig ab und stellte ihn in eine Vase an mein Bett. So schlief ich immer mit einem Hauch von Apfel ein. Als ich an diesem Morgen aufwachte, schien die Sonne in mein Zimmer. Mutter klapperte unten mit dem Frühstücksgeschirr. Ich stieg aus dem Bett und stellte mich ans Fenster, sog die frische Frühlingsluft in mich ein. Blickte auf den Rosengarten vor dem Haus hinunter, auf die Allee aus Apfelbäumen, die zur Straße hinunter führte; auf den See dahinter, dessen Wasser nachts im Mondschein immer so wunderschön glitzerte. Heute war mein Geburtstag!

Anlässlich meines besonderen Tages hatte Mutter einen besonderen Gast eingeladen. Am Nachmittag sollte meine Freundin Kaisa kommen. Ich tanzte durch das Zimmer und zog mir ein festliches Kleid über mein Untergewand, weiß mit einer goldenen Kordel. Wie jeden Morgen strich ich mit dem Finger über das kleine eingravierte Hufeisen über meiner Tür, wie um mich von meinem Zimmer zu verabschieden. Ich lächelte bei seinem Anblick und stieg die schmale Treppe in die geräumige Küche hinunter. Es gab Torte und Kakao. Ein kleines Lüftchen wehte durch das angelehnte Fenster herein, sodass sich die weiße Tischdecke in seinem Zuge leicht anhob. Nach dem Frühstück unternahm ich einen Spaziergang durch den Rosengarten, dessen Knospen noch nicht erblüht waren. Auf dem Weg zu den Ställen rief ich unserem alten Kutscher zu und half ihm, die Pferde zu füttern. Meine Hände glitten über den warmen Hals meiner Araberstute Fauna. Freundlich schnaubte sie und ich streichelte vorsichtig ihre weißen Nüstern. Der alte Kutscher brachte mir den Sattel und als wir los ritten, machte Fauna solche Freudensprünge, dass ich sie zügeln musste.

Ich lenkte sie in den Pfad, der zu dem See führte, den ich von meinem Fenster aus sehen konnte. Ich stieg ab, um eine Seerose zu pflücken, die am Uferrand wuchs und ließ das Pferd frei auf der Wiese herumtollen. Als ich vom Dorf die Glocken hörte, die die Mittagsstunde einläuteten, pfiff ich es zurück und wir ritten gemächlich zum Herrenhaus zurück. Nach dem Essen wartete meine Gouvernante bereits. Bevor mein Gast kam, musste ich an diesem Tag Französisch studieren und auch die Kräuter in unserem Kräutergarten. Doch schon schellte die große Glocke vom Portal her und wir eilten, um die Kommende in Empfang zu nehmen. Mit schwerem Knacken öffnete sich das Tor, dahinter hörte ich bereits Kaisa aufgeregt meinen Namen rufen. Wir fielen uns in die Arme und sie gab mir ein kleines Päckchen.

Wir zogen uns in die kleine Laube am Rosengarten zurück und ich öffnete vorsichtig mein Geschenk. Es war etwas kleines, hartes, in Watte eingepackt. Als ich die Watte von der Befestigung löste, rollte ein kleiner, silbergrauer Mondstein in meine Hand. Kaisa sagte, man müsse den Stein bei Vollmond ins Wasser des Sees tauchen. „Das bringt Glück!“, verriet sie mir verschmitzt lächelnd. Den Nachmittag und Abend verbrachten wir in großer Aufregung und als die Turmuhr des nachts endlich 12 schlug, zogen wir heimlich still und leise unsere Schnürschuhe an und warfen uns Mäntel über die weißen Nachtgewänder.

Wir eilten über das Gras zum See hinunter, unsere Schuhe wurden ganz feucht vom Tau. Das Wasser glitzerte im Mondschein. Ich genoß diesen Anblick einen Moment lang, dann fasste Kaisa mich bei der Hand. Wir schritten langsam zum Ufer hinunter, doch da war schon jemand. Ich stieß einen leisen Schrei aus und der Mensch am Wasser drehte sich um. Ich wollte laufen, doch Kaisa hielt mich zurück. Ein junger Mann lächelte uns entgegen, sein Haar war von silbrigem Schein: „Ich habe schon auf euch gewartet!“. Ich sah Kaisa ungläubig an, doch sie nickte mir auffordernd zu. Der Jüngling führte uns zum Ufer hinunter und als ich meinen Stein ins kühle Wasser tauchte, da verriet er: „Ich bin der Mondsteinprinz. Ich war bisher nur ein Geist, doch in dieser Nacht werde ich zum Menschen, um meine Bestimmung zu erfüllen. Du sollst mir dabei helfen. Doch an meiner Stelle muss sich ein anderer für mich opfern und selbst für immer zu einem Geist werden, bis dass er so wie ich durch ein Mondsteinmädchen erlöst werde“. „Wer tritt an deine Stelle?“, hauchte ich zaghaft und atemlos und ein Schauer lief mir über den Rücken, weil es mir plötzlich klar wurde. Ich drehte mich nach Kaisa um, doch sie war schon verschwunden.

– zappenduster –

Zappenduster. So fühlt sich der Blick ins Neue Jahr 2019 gerade an. Der erste Januar wie eine dunkle Stunde Null. Draußen regnet es und ich habe keine Vorstellung davon, was vor mir liegt. Ich schlage ein neues Kapitel auf. Eines, für das es noch kein Konzept gibt. Bisher hatte ich immer ein klares Ziel.

„Im nächsten Jahr musst du Neues lernen, viel schreiben, musst du dir Auszeiten gönnen, musst du durchhalten, einen Schlussstrich ziehen, musst du Fehler vermeiden und wenn sie nicht zu vermeiden sind, dann musst du daraus lernen, musst du glücklich sein oder zumindest so scheinen“

Ich muss, ich muss, ich muss .. muss .. muss. Und am Ende steht die Erkenntnis – all das führt nicht zum eigentlichen Glück. All die großen und kleinen Erfolge; all die Zeit und Nerven und Tränen, die ich dafür gab, zu erreichen, was ich mir einredete zu müssen – sie rinnen mir durch die Finger und nun stehe ich hier in der Nachtluft. Sehe den leuchtenden Lichtern der bunten Raketen zu, wie sie aufsteigen und in Schall und Rauch verpuffen. Auf ein Neues.

Für dieses Jahr habe ich nur einen Vorsatz: Aufhören, zu müssen. 

Ich weiß so wenig, wie noch nie zuvor, was mich erwartet. Kein Ziel, keine Richtung. Nun liegt es an mir  – soll Unsicherheit oder Freiheit meinen Kurs bestimmen? Da sind Furcht, Neugier, Verzweiflung und Mut in meinem Herzen, stehen Seite an Seite, halten sich an den Händen und können wohl nur zusammen gehen. Ich bin nicht allein, aber manchmal einsam. Geborgen und trotzdem manchmal ohne Hoffnung. Doch das Gute entsteht nur in seinen Gegensätzen. Das hat mich das vergangene Jahr 2018 gelehrt und diese Erkenntnis möchte ich mitnehmen; möchte auch meinen dunklen Momenten versöhnlich die Hand reichen. ‚Weil der Winter nur währt, damit man den Sommer sehnlicher begehrt‘. Das hat Shakespeare verstanden, und nun auch ich. 

Ich setze meinen Fuß ins zappendustere Unbekannte. Werde ich glücklich sein? Zum ersten Mal verstehe ich, dass diese Frage nicht daran gebunden ist, was ich beruflich mache oder wo ich lebe, wie viel Geld ich verdiene oder was ich mir davon kaufe. Es geht darum, dass die ersten warmen Sonnenstrahlen, die ich im Frühling auf meiner Nasenspitze werde kitzeln spüren so viel wertvoller sind und dass es so viel wichtiger ist, mich solchen Momenten hinzugeben. Momente, in denen ich an einem heißen Sommertag mit den Füßen im Rhein stehen werde und die kühle Strömung durch meine Zehen rinnt. Das Klingen unserer Weingläser, Sand auf meiner Haut und Meersalz in den Haaren. Polaroids und Kerzenlicht. Der Duft der Nacht, die Frische des Morgens, die Schwere des Abends. Alte Bekannte und neue Gesichter. Lachen und Weinen. Buntes Laub, aufgewirbelt von unseren Pirouetten im Herbststurm, knirschender Schnee und klirrende Kälte, Tannenduft. Das Leben ist ein Geschenk und das größte Wunder. Es hat verdient, dass ich das endlich sehe. Ich musst nichts, ich darf. Das ist ein Unterschied.

Werde ich glücklich sein? Ja, aber natürlich. Ich muss mich nur dazu entscheiden. Ein Schritt nach dem anderen, manchmal auch ein oder zwei zur Seite, vier zurück und dann die Drehung nicht vergessen. 5, 6, 7, 8. Dreh die Musik lauter. Aber bleib auch mal stehen und überdenke die Richtung. Vom Herz in den Bauch in den Kopf und dann raus. Mut für Überzeugungen. Mut, Unsicherheit anzunehmen, darauf einzugehen; weiterzumachen. Nicht auf alles reagieren zu müssen. Mich nicht ständig zu ermahnen. Abschiede zu akzeptieren. Groß zu träumen und klein anzufangen. Den Moment anzunehmen, ohne mir zu wünschen, ganz woanders zu sein. Genau hier bin ich richtig. Der Augenblick wird mich tragen. Nichts bedauern, barfuß weiterlaufen. Das Ganze mehr sein lassen, als die Summe seiner Augenblicke. Das Leben fest in meine Arme schließen. 

Es ist der erste Januar und hier stehe ich und sehe den leuchtenden Lichtern der Raketen zu. Auf ein Neues. Auf ein Unbekanntes. Auf die Freiheit.