Heißa, Hopsa, Karlsson!

„Das stört keinen großen Geist!“ – Der liebste Spruch Karlssons vom Dach. Ich setze mich in der letzten Zeit wieder sehr mit dem Werk Astrid Lindgrens auseinander und entdecke es neu für mich – denn auch Kinderliteratur (oder vielleicht eben gerade diese) birgt manchmal die größten Weisheiten und die interessantesten Sichtweisen, die ich nun, wo ich erwachsen bin, noch einmal anders lese und anders verstehe.

Früher mochte ich Karlsson nicht. Ich habe ihn immer als nervigen Störenfried empfunden, der egoistisch und chaotisch die Welt aus ihren Fugen geraten lässt und mit einem genüsslich-höhnischen Gelächter absichtlich umwirft. Eine Verhaltensweise, die mir immer sehr fremd war. Ich orientierte mich lieber an der Vitalität und Lebenslust Ronja Räubertochters, bewunderte Pipi Langstrumpfs Selbstbewusstsein und ihre Großzügigkeit und sehe jetzt: davon steckt auch ganz viel in Karlsson vom Dach.Sicher hat Astrid Lindgren hier einen echten Antihelden geschaffen. Viel radikaler und frecher als Michel, viel eigennütziger und selbstzufriedener als Pipi, kein Lausejunge oder -mädchen mehr, sondern schon eher ein berechnender Verschwörer. Wohin Karlsson mit seinem Propeller auf dem Rücken geflogen kommt, herrscht Anarchie und Chaos. Den Alltag des kleinen Lillebrors aus Stockholm bringt er jedenfalls gehörig durcheinander. Und dabei dennoch liebenswert.

„Ich bin ein schöner
und grundgescheiter
und gerade richtig dicker Mann
in meinen besten Jahren
und der beste Karlsson der Welt
in jeder Weise!“

Aus: Astrid Lindgren, Karlsson vom Dach

Was für ein unerschütterliches Selbstbewusstsein! Jedes Problem weist er mit einem unbeschwerten „Das stört doch keinen großen Geist“ von sich. Über Kleinigkeiten regen sich eben nur Kleingeister auf – Karlsson jedenfalls kümmern Ordnung und Sauberkeit nicht die Bohne. Auch wenn Astrid Lindgren nie sein Alter nannte, so wird doch klar, dass er ein kleiner, dicker Mann ist, ein Erwachsener also, der sich wie ein Raufbold und Taugenichts verhält. Und gleichzeitig ist er ein unvergleichlicher Freigeist. Die Faszination des kleinen Jungen Lillebrors für diesen Mann vom Dach wird damit klar: Er steht zwischen ihm und seinen Eltern, lebt in seiner eigenen kleinen Welt. Er wagt auszusprechen, was Lillebror nicht mal zu denken träumt. 

Karlsson vom Dach ist nicht im ersten Moment ein Sympath. Er stopft Sahnetorten und Fleischklöße in sich hinein, ist angeberisch und verlogen, verhält sich verantwortungslos und nachlässig. Er kennt keine Sorgen, er kennt nur den Spaß. Dabei weiß er jedoch immer um seine Grenzen, geht nie einen Schritt zu weit, nie widerfährt ihm wirklich etwas Schlimmes, nie ist er zu kopflos, sondern behält immer die Kontrolle. Er lebt allein, bestimmt über sich selbst, ist unabhängig und verkörpert im Grunde in vielen Dingen das Verbotene, das gesellschaftlich nicht Akzeptierte – ohne dabei jedoch Lillebror aus seinen eigenen Bahnen zu werfen. Im Gegenteil ist es so, dass das Gefühl des kleinen Jungen für das, was richtig und falsch ist, durch die moralischen Verstöße des Mannes eher gefestigt und sicherer wird.

Er zeigt damit, worum es geht; was manchmal am wichtigsten ist und vermittelt die richtigen Maßstäbe: Es geht darum, die eigene Welt etwas durcheinanderzuwerfen, Chaos im Kopf zu machen, neu zu sortieren, neu zu gestalten. Sorgen über Bord zu werfen, Wünschen und Bedürfnissen nachzugehen, das Leben herauszufordern und einfach mal nur das zu tun, was man will, sich frei machen von Konvention. Ich finde, Karlsson rückt das Bild gerade. Er schafft Sicherheit durch Unsicherheit, verweist darauf, worum es geht, vermittelt Respekt vor Individualität. Er zeigt, dass man nicht zwangsläufig die Kontrolle verliert, wenn man sich mal ein paar Meter fallen lässt, dass Sorglosigkeit kein Kontrollverlust sein muss, dass man trotzdem die Zügel des Lebens fest in der Hand behalten kann, auch wenn man die Dinge etwas leichter nimmt.

Heißa Hopsa!

– wohlan –

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
 
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
 
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse – Stufen

‚Wohlan‘ ist ein Schlüsselwort in Hermann Hesses Gedicht „Stufen“. Sowohl dieses Wort als auch das Gedicht zählen schon lange zu meinen liebsten. Hesse schreibt dieses Gedicht nach langer Krankheit und 1941 auch mitten in einem der verheerendsten Kriege, die es je gegeben hat. Und doch sind seine Verse von einem so tiefgreifenden, unerschütterlichen Optimismus für das Leben geprägt. Das fasziniert mich immer wieder, wenn ich es lese. 

„Heiter“ sollen wir „Raum um Raum durchschreiten“. Für mich sind diese Räume nicht nur die Stufen des Älterwerdens im Laufe eines Lebens. Es können auch herausfordernde Phasen sein, die uns in einem dieser Lebensabschnitte begegnen. Heiter bedeutet nicht nur optimistisch und mit Freude an den schönen Dingen. Heiter bedeutet auch Sorglosigkeit, spontanes und aktives Handeln, das sich nicht von Bedenken einengen oder ersticken lässt. Dazu gehört Mut und manchmal auch Tapferkeit. Denn Entwicklung ist auch immer gebunden ans Loslassen. Ans Weiterziehen. „Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne“. Das Leben ist Veränderung und alles hat seine Zeit, aber auch sein Ende, „darf nicht ewig dauern“. Schönheit entsteht nur im Gegensatz. Jede Phase, jeder Raum, jede Stufe ist wertvoll, aber muss auch vergänglich sein. Nur in diesem Bewusstsein erhält sie überhaupt ihren Wert.

Veränderung ist des Lebens Kern, alles ist im Fluss. Trotzdem bin ich nicht ausgeliefert, ich kann mir meine eigene Welt erschaffen, meine Richtung bestimmen. Hesse stellt hier den Geist über den Körper. Nicht das Alter ist entscheidend, sondern meine Einstellung dazu. Die Welt und mein Leben darin sind offen für alle Möglichkeiten, wenn ich mich ihnen zuwende. Darin liegt nicht nur Optimismus, sondern auch Hoffnung, die Kraft gibt, dem Herzen ins Unbekannte zu folgen.

Das Motiv des Weiterentwickelns und persönlichen Wachstums ist ein zentrales Motiv in Hesses Gedicht. „Stuf’ um Stufe“ gilt es zu erklimmen, vom Weltgeist entfesselt. Neugier vor Vorsicht walten lassen, keine Angst vor Richtig oder Falsch, und dabei den Blick schärfen. Nicht umkehren, wenn es schwierig wird. Es sich nicht in gewohnter Umgebung zu gemütlich machen. Wo bleibt da der Reiz, wo das Abenteuer? Das Leben will entdeckt werden! Neue Anfänge stellen mich auf eine harte Probe. Ich muss mich ins Unbekannte hinauswagen, die Kontrolle aufgeben, Ungewissheit aushalten, mich in neue Situationen einfinden, an neue Umstände gewöhnen. Aber das Geschenk der Chance überwiegt die Angst. 

‚Wohlan‘ drückt eine Aufforderung zur Tat aus. Es will sagen: ‚Los geht’s, zieh Deinen Weg!“. Schau dabei nicht zurück. Es ist nicht wichtig, was geschehen ist, nur was vor dir liegt und was du daraus machst. Nicht wehmütig soll man zurückschauen, sondern den Mut haben, auch Veränderungen anzunehmen, die man vielleicht nicht selbst herbeigeführt, ersehnt oder gewollt hat. Und trotzdem die Chance darin sehen. Nicht die Unsicherheit, sondern die Freiheit darin erkennen. Mutig möchte ich sein, offen auf neue Erfahrungen zuzugehen, mit dem Vertrauen, nicht an ihnen zu scheitern, sondern an ihnen zu wachsen. Dabei auf mich vertrauen und auch auf diesen Zauber, der jedem Anfang innewohnt, „der uns beschützt und uns hilft zu leben“.

Und so will ich bereit sein „zu Aufbruch und Reise“. Denn „des Lebens Ruf wird niemals enden“. Ihm will ich folgen.

– zappenduster –

Zappenduster. So fühlt sich der Blick ins Neue Jahr 2019 gerade an. Der erste Januar wie eine dunkle Stunde Null. Draußen regnet es und ich habe keine Vorstellung davon, was vor mir liegt. Ich schlage ein neues Kapitel auf. Eines, für das es noch kein Konzept gibt. Bisher hatte ich immer ein klares Ziel.

„Im nächsten Jahr musst du Neues lernen, viel schreiben, musst du dir Auszeiten gönnen, musst du durchhalten, einen Schlussstrich ziehen, musst du Fehler vermeiden und wenn sie nicht zu vermeiden sind, dann musst du daraus lernen, musst du glücklich sein oder zumindest so scheinen“

Ich muss, ich muss, ich muss .. muss .. muss. Und am Ende steht die Erkenntnis – all das führt nicht zum eigentlichen Glück. All die großen und kleinen Erfolge; all die Zeit und Nerven und Tränen, die ich dafür gab, zu erreichen, was ich mir einredete zu müssen – sie rinnen mir durch die Finger und nun stehe ich hier in der Nachtluft. Sehe den leuchtenden Lichtern der bunten Raketen zu, wie sie aufsteigen und in Schall und Rauch verpuffen. Auf ein Neues.

Für dieses Jahr habe ich nur einen Vorsatz: Aufhören, zu müssen. 

Ich weiß so wenig, wie noch nie zuvor, was mich erwartet. Kein Ziel, keine Richtung. Nun liegt es an mir  – soll Unsicherheit oder Freiheit meinen Kurs bestimmen? Da sind Furcht, Neugier, Verzweiflung und Mut in meinem Herzen, stehen Seite an Seite, halten sich an den Händen und können wohl nur zusammen gehen. Ich bin nicht allein, aber manchmal einsam. Geborgen und trotzdem manchmal ohne Hoffnung. Doch das Gute entsteht nur in seinen Gegensätzen. Das hat mich das vergangene Jahr 2018 gelehrt und diese Erkenntnis möchte ich mitnehmen; möchte auch meinen dunklen Momenten versöhnlich die Hand reichen. ‚Weil der Winter nur währt, damit man den Sommer sehnlicher begehrt‘. Das hat Shakespeare verstanden, und nun auch ich. 

Ich setze meinen Fuß ins zappendustere Unbekannte. Werde ich glücklich sein? Zum ersten Mal verstehe ich, dass diese Frage nicht daran gebunden ist, was ich beruflich mache oder wo ich lebe, wie viel Geld ich verdiene oder was ich mir davon kaufe. Es geht darum, dass die ersten warmen Sonnenstrahlen, die ich im Frühling auf meiner Nasenspitze werde kitzeln spüren so viel wertvoller sind und dass es so viel wichtiger ist, mich solchen Momenten hinzugeben. Momente, in denen ich an einem heißen Sommertag mit den Füßen im Rhein stehen werde und die kühle Strömung durch meine Zehen rinnt. Das Klingen unserer Weingläser, Sand auf meiner Haut und Meersalz in den Haaren. Polaroids und Kerzenlicht. Der Duft der Nacht, die Frische des Morgens, die Schwere des Abends. Alte Bekannte und neue Gesichter. Lachen und Weinen. Buntes Laub, aufgewirbelt von unseren Pirouetten im Herbststurm, knirschender Schnee und klirrende Kälte, Tannenduft. Das Leben ist ein Geschenk und das größte Wunder. Es hat verdient, dass ich das endlich sehe. Ich musst nichts, ich darf. Das ist ein Unterschied.

Werde ich glücklich sein? Ja, aber natürlich. Ich muss mich nur dazu entscheiden. Ein Schritt nach dem anderen, manchmal auch ein oder zwei zur Seite, vier zurück und dann die Drehung nicht vergessen. 5, 6, 7, 8. Dreh die Musik lauter. Aber bleib auch mal stehen und überdenke die Richtung. Vom Herz in den Bauch in den Kopf und dann raus. Mut für Überzeugungen. Mut, Unsicherheit anzunehmen, darauf einzugehen; weiterzumachen. Nicht auf alles reagieren zu müssen. Mich nicht ständig zu ermahnen. Abschiede zu akzeptieren. Groß zu träumen und klein anzufangen. Den Moment anzunehmen, ohne mir zu wünschen, ganz woanders zu sein. Genau hier bin ich richtig. Der Augenblick wird mich tragen. Nichts bedauern, barfuß weiterlaufen. Das Ganze mehr sein lassen, als die Summe seiner Augenblicke. Das Leben fest in meine Arme schließen. 

Es ist der erste Januar und hier stehe ich und sehe den leuchtenden Lichtern der Raketen zu. Auf ein Neues. Auf ein Unbekanntes. Auf die Freiheit.