„Formulierung ist heilsam“ – Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke

Die Jahreszeiten wandern durch die Wälder.
Man sieht es nicht. Man liest es nur im Blatt.
Die Jahreszeiten strolchen durch die Felder.
Man zählt die Tage. Und man zählt die Gelder.
Man sehnt sich fort aus dem Geschrei der Stadt.


Das Dächermeer schlägt ziegelrote Wellen.
Die Luft ist dick und wie aus grauem Tuch.
Man träumt von Äckern und von Pferdeställen.
Man träumt von grünen Teichen und Forellen.
Und möchte in die Stille zu Besuch.


Die Seele wird vom Pflastertreten krumm.
Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden
und tauscht bei ihnen seine Seele um.
Die Wälder schweigen. Doch sie sind nicht stumm.
Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden.


Man flieht aus den Büros und den Fabriken.
Wohin, ist gleich! Die Erde ist ja rund!
Dort, wo die Gräser wie Bekannte nicken
und wo die Spinnen seidne Strümpfe stricken,
wird man gesund.

Erich Kästner – Die Wälder schweigen

Kästners kleine lyrische Hauspotheke widmet sich der Behandlung des Seelenlebens – manchmal helfen eben weder Kamillentee, Wadenwickel noch Zinksalbe. Was bewirken Pflaster, Baldrian und Tinktur schon gegen Einsamkeit, verloren geglaubte Jugend oder Lebensüberdruss? Nützt das Gurgeln mit Salzlösung auch bei zerbrochenen Herzen und verschafft ein Kirschkernkissen Abhilfe bei Heimweh? Linderung bringt hier manchmal nur eines – Humor, Ironie, Kontemplation, Parodie, Übertreibung, welche Kästner durch seine Gedichte sorgsam in kleine Fläschchen füllt; ganz ohne Beipackzettel, die Dosis bestimmt der Empfindungsgrad. „Es tut wohl, den eignen Kummer von einem andren Menschen formulieren zu lassen. Formulierung ist heilsam.“

Morgenrote Molen

Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten Aus Deinem Haar vergessnen Sonnenschein. Schau, ich will nichts, als Deine Hände halten Und still und gut und voller Frieden sein.

Da wächst die Seele mir, bis sie in Scherben Den Alltag sprengt. Sie wird so wunderweit: An ihren morgenroten Molen sterben Die ersten Wellen der Unendlichkeit.

Rilke, Rainer Maria: Advent. Leipzig, 1898.

Die Zeit

Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!
Sie zu halten, wäre das Problem.
Denn, wen ängstigts nicht: wo ist ein Bleiben,
wo ein endlich Sein in alledem? –

Sieh, der Tag verlangsamt sich, entgegen
jenem Raum, der ihn nach Abend nimmt:
Aufstehn wurde Stehn, und Stehn wird Legen,
und das willig Liegende verschwimmt –

Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; –
aber auch in ihnen flimmert Zeit.
Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt
obdachlos die Unvergänglichkeit.

Rainer Maria Rilke, Aus dem Nachlaß des Grafen C. W. (Nachlaß)

Ein Zeichen

Gieb deinem Herzen ein Zeichen, 
daß die Winde sich drehn. 
Hoffnung ist ohne gleichen 
wenn sie die Göttlichen sehn. 

Richte dich auf und verharre 
still in dem großen Bezug; 
leise löst sich das Starre, 
milde schwindet der Bug. 

Risse entstehn im Verhängnis 
das du lange bewohnt, 
und in das dichte Gefängnis 
flößt sich ein fühlender Mond. 

Aus: Rainer Maria Rilke, Die Gedichte 1922 bis 1926 (Entwürfe; Muzot, Februar 1924)

Kleine Reise in die Vergangenheit

Diese Geschichte schrieb ich mit 11 Jahren. Ich weiß noch, wie ich in meinem Zimmer an einem der alten, doppelten Fenster saß und nach draußen schaute, auf die Apfelbäume in unserem Garten, mir Geschichten ausdachte und die Worte aus meinen Gedanken aufs Papier fließen ließ. Ich habe als Kind viele solcher Geschichten geschrieben – diese hier ist leider eine der wenigen, die ich aufgehoben habe. Sie fühlt sich an wie ein Fragment aus einer anderen Zeit; eine Zeit, die ich manchmal sehr vermisse, weil sie so unbeschwert, frei und voller Fantasie war. Mein Leben hat mich seit dem oft an meine Grenzen gebracht. Wenn ich manchmal etwas wehmütig in die Vergangenheit blicke, erinnere ich mich gerne an ein Zitat von Sergej Jessenin, das mich immer wieder Frieden mit der Vergänglichkeit schließen und solche schwermütige Gedanken ziehen lässt:

Ich trauere nicht, ich rufe nicht, ich weine nicht – Alles verfliegt wie weisser Rauch aus Apfelgärten.

Sergej Jessenin, zitiert nach Swetlana Geier in „Die Frau mit den 5 Elefanten“

Der Mondsteinprinz

Es war das Jahr, in dem die Apfelblüten vor meinem Fenster besonders dufteten. Ich schnitt jeden Abend einen Zweig ab und stellte ihn in eine Vase an mein Bett. So schlief ich immer mit einem Hauch von Apfel ein. Als ich an diesem Morgen aufwachte, schien die Sonne in mein Zimmer. Mutter klapperte unten mit dem Frühstücksgeschirr. Ich stieg aus dem Bett und stellte mich ans Fenster, sog die frische Frühlingsluft in mich ein. Blickte auf den Rosengarten vor dem Haus hinunter, auf die Allee aus Apfelbäumen, die zur Straße hinunter führte; auf den See dahinter, dessen Wasser nachts im Mondschein immer so wunderschön glitzerte. Heute war mein Geburtstag!

Anlässlich meines besonderen Tages hatte Mutter einen besonderen Gast eingeladen. Am Nachmittag sollte meine Freundin Kaisa kommen. Ich tanzte durch das Zimmer und zog mir ein festliches Kleid über mein Untergewand, weiß mit einer goldenen Kordel. Wie jeden Morgen strich ich mit dem Finger über das kleine eingravierte Hufeisen über meiner Tür, wie um mich von meinem Zimmer zu verabschieden. Ich lächelte bei seinem Anblick und stieg die schmale Treppe in die geräumige Küche hinunter. Es gab Torte und Kakao. Ein kleines Lüftchen wehte durch das angelehnte Fenster herein, sodass sich die weiße Tischdecke in seinem Zuge leicht anhob. Nach dem Frühstück unternahm ich einen Spaziergang durch den Rosengarten, dessen Knospen noch nicht erblüht waren. Auf dem Weg zu den Ställen rief ich unserem alten Kutscher zu und half ihm, die Pferde zu füttern. Meine Hände glitten über den warmen Hals meiner Araberstute Fauna. Freundlich schnaubte sie und ich streichelte vorsichtig ihre weißen Nüstern. Der alte Kutscher brachte mir den Sattel und als wir los ritten, machte Fauna solche Freudensprünge, dass ich sie zügeln musste.

Ich lenkte sie in den Pfad, der zu dem See führte, den ich von meinem Fenster aus sehen konnte. Ich stieg ab, um eine Seerose zu pflücken, die am Uferrand wuchs und ließ das Pferd frei auf der Wiese herumtollen. Als ich vom Dorf die Glocken hörte, die die Mittagsstunde einläuteten, pfiff ich es zurück und wir ritten gemächlich zum Herrenhaus zurück. Nach dem Essen wartete meine Gouvernante bereits. Bevor mein Gast kam, musste ich an diesem Tag Französisch studieren und auch die Kräuter in unserem Kräutergarten. Doch schon schellte die große Glocke vom Portal her und wir eilten, um die Kommende in Empfang zu nehmen. Mit schwerem Knacken öffnete sich das Tor, dahinter hörte ich bereits Kaisa aufgeregt meinen Namen rufen. Wir fielen uns in die Arme und sie gab mir ein kleines Päckchen.

Wir zogen uns in die kleine Laube am Rosengarten zurück und ich öffnete vorsichtig mein Geschenk. Es war etwas kleines, hartes, in Watte eingepackt. Als ich die Watte von der Befestigung löste, rollte ein kleiner, silbergrauer Mondstein in meine Hand. Kaisa sagte, man müsse den Stein bei Vollmond ins Wasser des Sees tauchen. „Das bringt Glück!“, verriet sie mir verschmitzt lächelnd. Den Nachmittag und Abend verbrachten wir in großer Aufregung und als die Turmuhr des nachts endlich 12 schlug, zogen wir heimlich still und leise unsere Schnürschuhe an und warfen uns Mäntel über die weißen Nachtgewänder.

Wir eilten über das Gras zum See hinunter, unsere Schuhe wurden ganz feucht vom Tau. Das Wasser glitzerte im Mondschein. Ich genoß diesen Anblick einen Moment lang, dann fasste Kaisa mich bei der Hand. Wir schritten langsam zum Ufer hinunter, doch da war schon jemand. Ich stieß einen leisen Schrei aus und der Mensch am Wasser drehte sich um. Ich wollte laufen, doch Kaisa hielt mich zurück. Ein junger Mann lächelte uns entgegen, sein Haar war von silbrigem Schein: „Ich habe schon auf euch gewartet!“. Ich sah Kaisa ungläubig an, doch sie nickte mir auffordernd zu. Der Jüngling führte uns zum Ufer hinunter und als ich meinen Stein ins kühle Wasser tauchte, da verriet er: „Ich bin der Mondsteinprinz. Ich war bisher nur ein Geist, doch in dieser Nacht werde ich zum Menschen, um meine Bestimmung zu erfüllen. Du sollst mir dabei helfen. Doch an meiner Stelle muss sich ein anderer für mich opfern und selbst für immer zu einem Geist werden, bis dass er so wie ich durch ein Mondsteinmädchen erlöst werde“. „Wer tritt an deine Stelle?“, hauchte ich zaghaft und atemlos und ein Schauer lief mir über den Rücken, weil es mir plötzlich klar wurde. Ich drehte mich nach Kaisa um, doch sie war schon verschwunden.

– wohlan –

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
 
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
 
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse – Stufen

‚Wohlan‘ ist ein Schlüsselwort in Hermann Hesses Gedicht „Stufen“. Sowohl dieses Wort als auch das Gedicht zählen schon lange zu meinen liebsten. Hesse schreibt dieses Gedicht nach langer Krankheit und 1941 auch mitten in einem der verheerendsten Kriege, die es je gegeben hat. Und doch sind seine Verse von einem so tiefgreifenden, unerschütterlichen Optimismus für das Leben geprägt. Das fasziniert mich immer wieder, wenn ich es lese. 

„Heiter“ sollen wir „Raum um Raum durchschreiten“. Für mich sind diese Räume nicht nur die Stufen des Älterwerdens im Laufe eines Lebens. Es können auch herausfordernde Phasen sein, die uns in einem dieser Lebensabschnitte begegnen. Heiter bedeutet nicht nur optimistisch und mit Freude an den schönen Dingen. Heiter bedeutet auch Sorglosigkeit, spontanes und aktives Handeln, das sich nicht von Bedenken einengen oder ersticken lässt. Dazu gehört Mut und manchmal auch Tapferkeit. Denn Entwicklung ist auch immer gebunden ans Loslassen. Ans Weiterziehen. „Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne“. Das Leben ist Veränderung und alles hat seine Zeit, aber auch sein Ende, „darf nicht ewig dauern“. Schönheit entsteht nur im Gegensatz. Jede Phase, jeder Raum, jede Stufe ist wertvoll, aber muss auch vergänglich sein. Nur in diesem Bewusstsein erhält sie überhaupt ihren Wert.

Veränderung ist des Lebens Kern, alles ist im Fluss. Trotzdem bin ich nicht ausgeliefert, ich kann mir meine eigene Welt erschaffen, meine Richtung bestimmen. Hesse stellt hier den Geist über den Körper. Nicht das Alter ist entscheidend, sondern meine Einstellung dazu. Die Welt und mein Leben darin sind offen für alle Möglichkeiten, wenn ich mich ihnen zuwende. Darin liegt nicht nur Optimismus, sondern auch Hoffnung, die Kraft gibt, dem Herzen ins Unbekannte zu folgen.

Das Motiv des Weiterentwickelns und persönlichen Wachstums ist ein zentrales Motiv in Hesses Gedicht. „Stuf’ um Stufe“ gilt es zu erklimmen, vom Weltgeist entfesselt. Neugier vor Vorsicht walten lassen, keine Angst vor Richtig oder Falsch, und dabei den Blick schärfen. Nicht umkehren, wenn es schwierig wird. Es sich nicht in gewohnter Umgebung zu gemütlich machen. Wo bleibt da der Reiz, wo das Abenteuer? Das Leben will entdeckt werden! Neue Anfänge stellen mich auf eine harte Probe. Ich muss mich ins Unbekannte hinauswagen, die Kontrolle aufgeben, Ungewissheit aushalten, mich in neue Situationen einfinden, an neue Umstände gewöhnen. Aber das Geschenk der Chance überwiegt die Angst. 

‚Wohlan‘ drückt eine Aufforderung zur Tat aus. Es will sagen: ‚Los geht’s, zieh Deinen Weg!“. Schau dabei nicht zurück. Es ist nicht wichtig, was geschehen ist, nur was vor dir liegt und was du daraus machst. Nicht wehmütig soll man zurückschauen, sondern den Mut haben, auch Veränderungen anzunehmen, die man vielleicht nicht selbst herbeigeführt, ersehnt oder gewollt hat. Und trotzdem die Chance darin sehen. Nicht die Unsicherheit, sondern die Freiheit darin erkennen. Mutig möchte ich sein, offen auf neue Erfahrungen zuzugehen, mit dem Vertrauen, nicht an ihnen zu scheitern, sondern an ihnen zu wachsen. Dabei auf mich vertrauen und auch auf diesen Zauber, der jedem Anfang innewohnt, „der uns beschützt und uns hilft zu leben“.

Und so will ich bereit sein „zu Aufbruch und Reise“. Denn „des Lebens Ruf wird niemals enden“. Ihm will ich folgen.

– Zwischen den Jahren –

Bist Du so müd? Ich will Dich leise leiten 
Aus diesem Lärm, der längst auch mich verdross, 
Wir werden wund im Zwange dieser Zeiten. 
Schau, hinterm Wald, in dem wir schauernd schreiten, 
Harrt schon der Abend wie ein helles Schloss.

Komm Du mit mir. Es soll’s kein Morgen wissen, 
Und Deiner Schönheit lauscht kein Licht im Haus. 
Dein Duft geht wie ein Frühling durch die Kissen: 
Der Tag hat alle Träume mir zerrissen, – 
Du, winde wieder einen Kranz daraus.

Rainer Maria Rilke, aus: Advent, S.61