Rezension: Wolfgang Koeppen – „Tauben im Gras

Scheinbar unzusammenhängende Episoden sind es, die nach und nach im Handlungsverlauf zusammengesetzt werden und das Bild einer deutschen Großstadt der Nachkriegszeit zwischen Kriegsende und Wirtschaftswunder zeichnen. Der Autor verzichtet dabei auf dominierende, tief entwickelte Protagonisten. Weder Leitfigur noch Gegenspieler definieren die Erzählung. Wie mit einer Kamera fängt Koeppen kleine Sequenzen dieses Tages nach dem Krieg ein. Alle Figuren sind in ihren unterschiedlichen Verflechtungen wie Tauben im Gras: „Die Vögel sind zufällig hier, wir sind zufällig hier, und vielleicht waren auch die Nazis nur zufällig hier […] vielleicht ist die Welt ein grausamer und dummer Zufall Gottes, keiner weiß warum wir hier sind“. Auch das beinahe völlige Fehlen positiver Schwerpunkte ist bezeichnend – bildet das Buch doch einen Querschnitt der gesellschaftlichen, politischen, moralischen und rassistischen Verhältnisse des Nachkriegsdeutschlands in einer Phase der geistigen Erneuerung ab. Kleinbürgerliche Verhältnisse werden säuberlich seziert und vor der Aussichtslosigkeit dieser Jahre ausgebreitet. Durch innere Monologe und plastische Vergleiche wird das Seelenleben dieser Gesellschaft von Isolation und Selbstzweifel bis zur Resignation verfolgt. Brüchige und prekäre Existenz, die hier in eine Lektüre verflochten wird, die ich allen Zeitgeschichte-Interessierten ans Herz legen möchte – nicht nur der aktuellen politischen Situation wegen, denn sie ist auch sprachlich ein Genuss!

In dieser Ausgabe erschienen im @Suhrkamp. [unbezahlte Werbung]

Rezension: Jung Chang – „Wilde Schwäne“

Jung Chang wurde 1952 in der Provinz Sichuan geboren. In „Wilde Schwäne“ erzählt sie in einem biographischen Bericht über das Leben dreier Frauen im China der Kaiserzeit, der Herrschaft Maos bis zum Ende des 20. Jahrhunderts – das Leben ihrer Großmutter, ihrer Mutter und ihres eigenen. Musste die Großmutter noch Konkubine eines Kuomintang-Generals werden, waren Changs Eltern bereits überzeugte Kommunisten, ihr Vater ein hochrangiger Parteifunktionär. Ergreifend schildert sie die kulturrevolutionäre Umerziehung auf dem Land und ihre Zeit bei den jungen Rotgardisten. Ihr weiterer Lebensweg entfaltet sich vor einem Panorama der jüngeren Geschichte Chinas und ermöglicht einen feinfühlig beschriebenen Einblick in die Machtergreifung Maos. Mit Demütigungen, Plünderungen, Bücherverbrennungen und Folter stürzt er das Reich der Mitte ins Chaos, macht sich die niedersten Instinkte des Menschen zu Nutze, hetzt Funktionäre gegeneinander auf und spielt mit der Angst vor Denunziation und Verhaftung. Die Rücksichtslose Umsetzung politischer Ideen kostet Millionen Menschen das Leben, unbeschreibliches Leid, das hier auf den drei Generationen lastet. Kaum in Worte zu fassen und doch vermag Chang es, das Leben dieser drei Frauen erstaunlich sachlich, aber dadurch umso eindringlicher darzustellen und die Seele des chinesischen Volkes sichtbar zu machen. Großmutter, Mutter und Tochter bilden dabei Fixpunkte auf der Achse dieser Dokumentation, die sich dennoch spannend wie ein Roman liest. Jung Changs Rückblick auf ihre Jugend vor ihrer Auswanderung nach England macht deutlich, was es bedeutet, in einer Diktatur fernab der freiheitlich-demokratischen Welt zu leben, ermöglicht eine Annährung an die Details einer grausamen Historie und bietet den Schlüssel zu einem tieferen Verständnis des Mao Zedong Regimes. Vor dem Hintergrund der konfuzianischen Lehre und der langen Tradition der Denker wird die Instrumentalisierung des Kommunismus aufgerollt. Subtil wurde das moralische Gewissen einer Gesellschaft durch permanenten Missbrauch und widersprüchliche Apelle zerstört. Die Autorin resümiert Maos Philosophie in einem ständigen Bedürfnis nach dem Konflikt, der eine moralische Wüste hinterließ. Absolut lesenswert!

Rezension: Christian Kracht – „Faserland“

Er wird als DER Gesellschaftsroman der 90er gehandelt, als Wegbereiter der Popkultur. Ohne Zweifel, vielbeachtet war Krachts Debütroman Faserland allemal, oft kritisiert, umso heißer geliebt. Auch zu Recht?

Ein namenloser Ich-Erzähler begibt sich auf eine ziellose Reise quer durch sein Vaterland. Ob Scampi essend auf Sylt, bunte Pillen schluckend in Hamburg, die Überdosis hochwürgend in Frankfurt oder Champagner nachspülend in München – alle Städte sind nur Stationen in einer Topographie der substanzlosen Oberflächlichkeit deutscher Oberschicht. Wie ein Popsong plätschert die Melodie der Erzählung durch eine Gesellschaft im Verfallsstadium, die sich durch triviale Ästhetik, monetäre Sorglosigkeit und betonte Gleichgültigkeit definiert. Alte Freunde tauchen auf und verschwinden direkt wieder im Dunst des Drogennebels, noch bevor das Tulpenglas geleert ist. Moral verhallt im Perlwein-Rausch. Yuppie-Partys sind der einzige rote Faden auf dieser Nord-Süd-Achse, auf der Krachts Protagonist weniger wandelt als taumelt, sich willenlos dem Exzess ausliefernd. Ein politisch desillusioniertes ‚rich kid’, das seiner Dekadenz nicht widerstehen kann und gleichzeitig feststeckt im Versuch, in einem Meer aus Normcore, zwischen den gleichmäßigen Wogen aus Segelschuhen, Ralph Lauren Hemden und Porscheledersitzen unter die Oberfläche zu tauchen und die Möglichkeit von Freiheit zu finden. Kracht lässt seinen Antihelden treiben durch diese belanglose Welt, die ihm zwischen den Fingern zerrinnt und weckt im hedonistischen Umherirrenden eine seltsame Traurigkeit und Leere.

Kracht faselt sich durch den Querschnitt der 90er-Partyszene und malt dabei das Portrait einer Generation des Werteverfalls. Es ist eine Reise auf der Suche nach Identität, gepaart mit der Feststellung, dass diese in einer sinnentleerten Welt nicht zu finden ist. Krachts Mittel der Annährung ist die Flucht, angefangene Gedanken werden nicht zu Ende geführt, auf Reflexion und irgendeine Art von Erkenntnis wird vollständig verzichtet. Die Zusammenhänge erhalten zunehmend dadaistische Züge und zerfließen im Sinnvakuum der westlichen Welt. Und so fügt sich alles in ein Bild des Ekels, das schonungslos den Stillstand einer teilnahmslos gewordenen Gesellschaft bilanziert. Sicher kein Buch, das ich zwei Mal lese, aber lesenswert finde ich es allemal.

Ursprünglich erschienen im Kiepenheuer&Witsch Verlag, in dieser Ausgabe erschienen im Fischer Taschenbuch Verlag.

Rezension: Maria Nurowska – „Briefe der Liebe“

„“Krystyna Chylinska ist nicht dein wirklicher Name“, sagtest Du wie beiläufig und ohne auf meine Antwort zu warten. Dabei weiß ich nicht, ob das eine Frage oder eine Feststellung war. In ein paar Minuten gehe ich von hier fort. Die Briefe, die ich Dir während all der Jahre geschrieben habe, lasse ich hier.“

Maria Nurowska in „Briefe der Liebe“; S.7

Es ist ein polnisch-jüdisches Frauenschicksal, das die Warschauer Autorin Maria Nurowska auf 200 Seiten fesselnd erzählt. Sieben Briefe schreibt Elzbieta Elsner an ihren Mann. Sie offenbart ihm darin ihr Schicksal und schildert ihre tragische Vergangenheit. Als Tochter einer Deutschen und eines Juden wächst sie mit ihrem Vater im Warschauer Ghetto auf. Ein SS-Offizier verliebt sich in sie und verhilft ihr nach dem Tod des Vaters zur Flucht. Unter falschem Namen fängt Krystyna Chylinska ein neues Leben an. Bei einer alten Frau untergekommen, kümmert sie sich um deren Enkel und schafft es, sich im kommunistischen Polen der Nachkriegszeit eine Existenz aufzubauen. Mit größter Anstrengung gelingt es Krystyna, in einer Zeit die geprägt ist von Denunziationen, Verfolgung und wirtschaftlicher Not, jahrelang ihre Identität zu wahren. Sie kämpft gegen die Schatten ihrer Vergangenheit an, die sie immer wieder einzuholen scheinen. Als der Vater des Kindes aus dem Krieg zurückkehrt, findet Krystyna in dem Kardiologen und patriotischen Antisemiten Andrzej ihre große Liebe, dem sie ihr Geheimnis jedoch niemals anvertrauen kann. Es ist die Geschichte einer Liebe, die von Zärtlichkeit, aber auch der Angst geprägt ist, die Wahrheit zu offenbaren und ihre erschaffene Welt im Moment des Friedens einstürzen zu lassen. Kann Liebe Überzeugungen überwiegen?

Maria Nurowska stellt ihre Figuren äußerst stimmig und psychologisch glaubhaft dar, die Handlung zeigt Stringenz ohne in Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen. Jede Wendung wirkt stets realistisch, die vielen Zeitsprünge nicht störend, sondern eher der Nachvollziehbarkeit zuträglich. Nurowska flicht liebevoll poetische Abschnitte in die Konstruktion eines schrecklichen Schicksals ein, verbindet persönliche Erlebnisse der Protagonistin mit Zeitgeschichte von 1944-1968 und einer Abhandlung über Verantwortung, Lüge, Gewissen, Schuld und Vergebung. Ein eindrücklicher Roman und die wohl schönste und auch traurigste Liebesgeschichte, die ich immer und immer wieder lesen könnte. Große Empfehlung!