„Formulierung ist heilsam“ – Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke

Die Jahreszeiten wandern durch die Wälder.
Man sieht es nicht. Man liest es nur im Blatt.
Die Jahreszeiten strolchen durch die Felder.
Man zählt die Tage. Und man zählt die Gelder.
Man sehnt sich fort aus dem Geschrei der Stadt.


Das Dächermeer schlägt ziegelrote Wellen.
Die Luft ist dick und wie aus grauem Tuch.
Man träumt von Äckern und von Pferdeställen.
Man träumt von grünen Teichen und Forellen.
Und möchte in die Stille zu Besuch.


Die Seele wird vom Pflastertreten krumm.
Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden
und tauscht bei ihnen seine Seele um.
Die Wälder schweigen. Doch sie sind nicht stumm.
Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden.


Man flieht aus den Büros und den Fabriken.
Wohin, ist gleich! Die Erde ist ja rund!
Dort, wo die Gräser wie Bekannte nicken
und wo die Spinnen seidne Strümpfe stricken,
wird man gesund.

Erich Kästner – Die Wälder schweigen

Kästners kleine lyrische Hauspotheke widmet sich der Behandlung des Seelenlebens – manchmal helfen eben weder Kamillentee, Wadenwickel noch Zinksalbe. Was bewirken Pflaster, Baldrian und Tinktur schon gegen Einsamkeit, verloren geglaubte Jugend oder Lebensüberdruss? Nützt das Gurgeln mit Salzlösung auch bei zerbrochenen Herzen und verschafft ein Kirschkernkissen Abhilfe bei Heimweh? Linderung bringt hier manchmal nur eines – Humor, Ironie, Kontemplation, Parodie, Übertreibung, welche Kästner durch seine Gedichte sorgsam in kleine Fläschchen füllt; ganz ohne Beipackzettel, die Dosis bestimmt der Empfindungsgrad. „Es tut wohl, den eignen Kummer von einem andren Menschen formulieren zu lassen. Formulierung ist heilsam.“

Begegnung mit Kafka

„Es ist ein wenig trüb in Prag, es ist noch kein Brief gekommen, das Herz ist ein wenig schwer. Es ist zwar ganz unmöglich, dass ein Brief schon hier sein könnte, aber erkläre das dem Herzen.“ – Brief Kafkas an Milena Jesenská

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Das Wochenende habe ich in Prag verbracht. Nicht nur fängt gerade alles an zu blühen in dieser wunderschönen Stadt an der Moldau; voll bröckelnder Fassaden einst imposanter Jugendstil-Architektur. Auch ist sie ein Ort der Spurensuche, die mich durch die kleinen schmalen Gassen und später ins Kafka-Museum führt. Seine Briefe und Tagebücher dokumentieren ein Leben, das von Einsamkeit und einem tiefen Wunsch nach Reflexion geprägt scheint. Sie zeichnen einen Versuch des Durchbrechens sozialer Isolation und der Simulation lebendigen Kontakts. Den Brief an den Vater hat dieser nie gelesen, dennoch enthält er akribische Korrekturen, literarische Gestaltung und den Versuch, die richtigen Worte zu finden, um zu sagen, was nie gehört werden wird. Frei von Floskeln scheinen die Schriften eher der Gedankenordnung, Selbstvergewisserung und Erinnerung zu dienen, sogar kleine Notizen sind literarisch überformt. „I am nothing but literature and can and want to be nothing else“. Kafka lässt vor seinem Tod einen Freund versprechen, all diese Dokumente zu verbrennen, zur Veröffentlichung hatte er weder Briefe noch Tagebücher bestimmt.

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Lange habe ich keinen rechten Zugang zu Kafkas Werk finden können, unerklärlich war mir der Mythos des Unerklärlichen, der sich um ihn rankt. Seine Schriften aus Briefen und Tagebüchern eröffnen mir jedoch eine neue Sicht auf die Welt, die sich dahinter verbirgt. Er selbst betonte in seinen Korrespondenzen häufig, mit seinen Werken nichts bewirken zu wollen und so sind sie offenbar weniger ein Spiegelbild, Symbol oder Allegorie für religiöse Vorstellungen, soziale Phänomene und gesellschaftlicher Zustände. Sie scheinen vielmehr wie ein persönlicher Verarbeitungsprozess tiefer Melancholie, wie ein Kampf gegen Selbstkritik und Depression und als Versuch, einen Umgang mit dem Leben zu finden. Aus diesem Urlaub bringe ich kein neues Buch als Andenken mit – dafür aber eine neue Perspektive auf ein ganzes Lebenswerk.

Rezension: Patrick Süskind – „Die Taube“

„Als ihm die Sache mit der Taube widerfuhr, die seine Existenz von einem Tag zum andern aus den Angeln hob, war Jonathan Noel schon über fünfzig Jahre alt, blickte auf eine wohl zwanzigjährige Zeitspanne von vollkommener Ereignislosigkeit zurück und hätte niemals mehr damit gerechnet, daß ihm Oberhaupt noch irgend etwas anderes Wesentliches würde widerfahren können als dereinst der Tod. Und das war ihm durchaus recht. Denn er mochte Ereignisse nicht, und er haßte geradezu jene, die das innere Gleichgewicht erschütterten und die äußere Lebensordnung durcheinanderbrachten.“

Auf knapp 100 Seiten begibt sich Patrick Süskind auf eine kleine Reise in die Gedankenwelt von Jonathan Noel. Einem Mann, der nach schwerer Vergangenheit zurückgezogen in seiner winzigen Pariser Ein-Zimmer-Wohnung haust und ein Leben in völliger Ereignislosigkeit gewählt hat. Diese friedliche Ruhe und rettende Monotonie finden jedoch in einem weiteren Schicksalsschlag plötzlich ein jähes Ende – auf dem Weg zur Etagentoilette sieht sich Noel mit einer Taube konfrontiert, die zum Fenster hereingeflogen im Flur vor seiner Wohnung sitzt und den Eingang zum rettenden Unterschlupf versperrt; mit unerhört blicklosen Augen das Chaos beschaut, das nun über den neurotischen Einzelgänger hereinbricht. Eine Verkettung des Unglücks folgt diesem Schockmoment, mit dessen Bewältigung Noel gänzlich überfordert ist, unfähig die kleinste Unebenheit in seiner sorgsam eintönig gewählten Existenz zu ertragen oder zu überwinden. Plötzlich heimatlos in der Stadt umherirrend verdichtet sich das große Durcheinander des folgenden Tages zu einem Psychogramm eines im Grunde sehr einsamen Mannes. Süskind zeigt seinem Leser in feinsinniger Beobachtung das fragile innere Gleichgewicht eines komplexen Seelenlebens und lässt es von einem einzigen grauen Flügelschlag aus den Fugen geraten. Genüsslich schildert er die wirren Gedankenspiele des völlig Verzweifelten und verschnürt darin eine sprachlich geniale, subtile Parabel über die Lächerlichkeit der kleinen Dinge, die sich zuweilen ehe wir es uns versehen gurrend aufplustern können und die noch so sicher geglaubten Verhältnisse gründlich ins Chaos stürzen. 

Rezension: John Jay Osborn – „Liebe ist die beste Therapie“

Ein Raum, drei Menschen, vier Stühle. Mehr braucht John Jay Osborn nicht, um das Set-up für sein Buch zu bauen. Interessantes Konzept, denn ohne die Ablenkungen einer Rahmenhandlung kommt dem Gespräch, welches das getrenntlebende Ehepaar auf 284 Seiten mit seiner Therapeutin führt, ungeteilte Aufmerksamkeit zu. Leider lassen sich in diesem Scheinwerferlicht viele Schwächen auch nicht verstecken und treten umso deutlicher zutage. Osborn versucht, seinem Leser typische Kommunikationsmuster in einer Beziehung vor Augen zu führen, die oft aus einer Kette von Missverständnissen bestehen. Doch in diesem Wirrwarr aus verletzten Gefühlen, Anschuldigungen, Streit und Irrtum bleibt die Spannung auf der Strecke: allzu vorhersehbar die Entwicklung der Probleme in dieser Ehe, allzu gewollt unkonventionell die Methoden der Therapeutin, allzu konstruiert die stetige Annährung und Entfernung der Protagonisten, allzu abrupt dann das kitschige Happy End. Beide Partner verkörpern zudem angestaubte Stereotypen. Sie – die zweifache Mutter, die sich endlich ihren Traum von Selbstverwirklichung in ihrem Job an der Uni verwirklicht, teure Accessoires liebt und sich gerne mit eloquenten Männern mittleren Alters umgibt; er – der erfolgreiche, sportwagenfahrende Unternehmer, der erst lernen muss, seine Gefühle zu lesen und ihr am Ende sogar ein Bild mit einem Boot malt. Muss ich erwähnen, dass die Trennung die Folge seines Fremdgehens war? 

Fachlich kann ich mir in puncto Eheberatung keinerlei Urteil erlauben, jedoch scheint auch der Autor als Juraprofessor und Anwalt nicht vom Fach und lässt die Erzählung eher wie ein Experiment mit seinen persönlichen Erkenntnissen wirken. Auch sprachlich überzeugt Osborn bei der Schilderung dieser Probanden auf dem Weg zu ihrem reiferen Ich und Miteinander nicht unbedingt. Lieblos heruntergeschrieben und flach im Ausdruck wirken viele Passagen wie ein Spiel auf Wörterzahl – für die Feststellung, dass der Ursprung vieler zwischenmenschlicher Schwierigkeiten in fehlgeschlagener Kommunikation zu finden ist, braucht es eben eigentlich keine 300 Seiten. Dass der Leser zusätzlich mit Informationen aus der Gedankenwelt von Therapeutin Sally versorgt wird, in denen sie während eines Klientengesprächs über ihre komplizierte Beziehung zu ihrer Mutter sinniert, die sonst aber keinen weiteren Mehrwert für die Entwicklung der Geschichte haben, ist hier nur ein zusätzlich verwirrender und im Grunde unnötiger Störfaktor.

Vielleicht liegt auch eine Schwäche in der Übersetzung, die schon aus dem Originaltitel „Listen to Marriage“ ein plakatives „Liebe ist die beste Therapie“ macht. Osborn legt hier eine lange, fiktive Erzählung vor, die schnell gelesen und schnell vergessen ist. Ein Buch, das leider nicht lange im Gedächtnis bleibt und für weit weniger Aha-Momente sorgt, als erhofft. 

Rezension: Benedict Wells – „Vom Ende der Einsamkeit“

Diesem Buch muss man Zeit geben – während des Lesens und auch danach. Es muss wirken, viele Passagen öffnet es erst beim zweiten Lesen. Tief berührt lässt es mich zurück in der Blase aus Melancholie mit Hoffnungsschimmer, die es erzeugt und die nicht sofort zerplatzt, als der Deckel zu dieser Welt zuklappt. Sie hüllt mich noch eine Weile ein.

Benedict Wells lässt seinen Leser drei Geschwister im Idyll ihrer Kindheit kennenlernen – zwischen Münchner Großstadtflair und den sommerlichen Besuchen bei der französischen Großmutter. Er fängt in den Erinnerungen des Protagonisten Jules viele kleine Glücksmomente ein, dann folgt der Bruch. Nach dem tödlichen Unfall der Eltern erleben die Geschwister eine Jugend, die von der Düsternis, der Kälte und Einsamkeit des Internats geprägt ist, in dem sie fortan aufwachsen und von dem aus sich nun ihre Lebensgeschichte neu entfaltet. 

Einfühlsam und ruhig erzählt Wells von Schmerz und Verlust, von der Trauerbewältigung, dem unterschiedlichen Prozess des Verarbeitens nach traumatischen Erlebnissen und von der Liebe. In sorgfältiger, chronologischer Montage, geradliniger Dramaturgie und erzählerischer Knappheit beschreibt der Autor den Weg einer vielschichtigen Bewusstwerdung und Selbstfindung. Die feine Darstellung des Zurückfindens in ein Leben, das ganz anders hätte verlaufen sollen, mündet bei diesem stillen, tiefgründigen Drama in der Frage nach Identität. Was bleibt nach einem solchen Erlebnis von einem Menschen übrig? Wie geht es weiter und was wäre wenn? Wie wird ein Leben zu dem, was es wird? Neben der geschwisterlichen Verbindung steht die Liebe zwischen Jules und seiner Jugendfreundin Alva im Vordergrund, die erst spät zueinanderfinden. In Auseinandersetzung mit entglittenen Jahren, verpassten Chancen, persönlichen Hindernissen und Trauer, schaffen es die beiden, letztendlich doch noch an ihrer Liebe festzuhalten und während ihrer Sehnsucht und Suche nach Beständigkeit zu erkennen: Glück und Schmerz, Angst und Mut, Unentschlossenheit und Bewegung, Traurigkeit und Schönheit gehen Hand in Hand und tragen die Schatten der Vergangenheit.

Der Umgang mit dem Schicksal entfaltet sich hier zu einer Liebesgeschichte, die ganz ohne Kitsch und Klischee auskommt. Auch die melancholische Grundstimmung wird nie durch zu viel jammerndes Selbstmitleid gestört. Wundersam traurig und optimistisch zugleich, gefüllt mit jeder Menge Musik und literarischen Zitaten legt Wells hier ein wunderschönes, aufbauendes Buch vor, welches mich in seinem bisherigen Werk am meisten überzeugt.

Morgenrote Molen

Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten Aus Deinem Haar vergessnen Sonnenschein. Schau, ich will nichts, als Deine Hände halten Und still und gut und voller Frieden sein.

Da wächst die Seele mir, bis sie in Scherben Den Alltag sprengt. Sie wird so wunderweit: An ihren morgenroten Molen sterben Die ersten Wellen der Unendlichkeit.

Rilke, Rainer Maria: Advent. Leipzig, 1898.

Rezension: Vladimir Nabokov – „Maschenka“

Und über diese Straßen, die jetzt so breit sind wie glänzende schwarze Meere, zu dieser späten Stunde, da die letzte Kneipe längst zugemacht hat, läuft ein Mann aus Russland, bar der Fesseln des Schlafs, in hellseherischer Versunkenheit umher.

Es ist Lev Ganin, ehemaliger russischer Offizier der Weißgardisten, der hier des nachts durch die Gassen des Berlins der Zwanzigerjahre spaziert. Berlin – dieser pulsierende Sammelpunkt der Kulturen, in dem sich der entwurzelte und verarmte Emigrant Ganin in einer Pension wiederfindet. Seine Gedanken schweifen ab in die Erinnerung an die verlorene Jugendliebe, um die sich nun Nabokovs Erstling in einer wunderschönen Novelle rankt. 

Mit Sprachgewalt und schlichter, geradliniger Erzählkunst richtet Nabokov zunächst das Licht auf die Schicksale der Menschen, die in dieser deutschen Pension zusammengefunden haben – Lev Ganin, der Revolutionsemigrant und seine Mitbewohner, darunter ein alter russischer Dichter, auf der Durchreise nach Paris, wartend auf seine Frau, die aus der langsam zerfallenden Heimat nachkommen soll. Auf dem verblichenen Foto dieser Frau erkennt Ganin seine Jugendliebe Maschenka wieder und durchlebt in episodischen Rückblenden die Erinnerung an sie, ihre Anmut und Schönheit und an seine Jugend in dörflicher, romantischer Idylle, voller Hoffnungen und Träume.

Es war gegen drei Uhr morgens, die Stadtbahnzüge fuhren nicht mehr, und das Haus schien endlich haltgemacht zu haben. […] ‚Maschenka‘, sagte Ganin noch einmal, und er versuchte, in diese drei Silben alle Musik hineinzulegen, die früher darin mitgeklungen hatte: den Wind, das Summen der Telegraphenmasten, die Glückseligkeit und noch einen weiteren, geheimen Ton, der diesem Wort erst richtig Leben gab. Er lag auf dem Rücken und lauschte seiner Vergangenheit nach.

In bildhafter Sprache erweckt Nabokov mit unvergleichlicher Intensität die Gedanken des zwischen Nostalgie und Melancholie hin und her gerissenen Sehnsüchtigen zum Leben; formt seine Gefühlswelt malerisch und präzise zugleich nach und illustriert seine Empfindungsräume, die den Leser eine biografische Reise zu seiner ersten Liebe antreten lassen. In den Fetzen der Erinnerung spiegelt das Bild Maschenkas das russische Ideal. Ganin ist zunächst fest entschlossen, seine Geliebte zurückzuerobern, um endlich das verpasste Leben mit ihr nachzuholen. In Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit jedoch erkennt er, dass die Beziehung, entrückt von der idealisierten Erinnerung, keinen Bezug mehr zu ihm hat, so wie auch die Rückkehr in die Heimat keine Option mehr darstellt: „Außer diesem Bild gab es keine andere Maschenka; konnte es keine geben“. Er lässt seine Liebe zu Frau und Heimat in Gedanken noch einmal aufleben, um sie dann loslassen zu können. Ein schmerzhafter Abschied von zwei Sehnsuchtsorten, den Nabokov hier hinreißend mit Feingefühl und zarten Nuancen zugänglich macht und begreifen lässt: Vergangenes ist vergangen. Nun gilt es, den Blick auf das zu richten, was ist, was kommt und in Ganins Fall: gen Paris. 

Rezension: Bernhard Schlink – „Olga“

Als ich das Buch zuklappe, streiche ich noch einmal über den Einband aus blauem Stoff. Es hat mich berührt und ich möchte sie noch nicht loslassen, diese starke Frau, der ich gut 80 Jahre Zeitgeschichte hindurch über die Schulter gesehen habe.

Bernhard Schlink erzählt von Olga Rinke, einem Mädchen aus armen Verhältnissen, das den anderen lieber zuschaut als mitspielt. Diese Eigenschaft wird charakteristisch für ihr Leben werden, doch zunächst wird sie nach dem Tod ihrer Eltern zur harschen Großmutter nach Pommern geholt. Dort lernt sie Herbert kennen, den Sohn eines reichen Gutsbesitzers, schließt Freundschaft mit ihm. In der Schule zeigt Olga sich begabt, möchte Lehrerin werden. Als ihr versagt wird, auf die höhere Mädchenschule zu gehen, eignet sie sich den Stoff für die Prüfung selbst an, entflieht dafür häufig der beengten Atmosphäre des Hauses ihrer Großmutter auf Wiesen und Felder. Dort trifft sie sich häufig mit Herbert, beide verlieben sich ineinander.

Es ist eine anfangs innige, zunehmend tragische Liebesgeschichte, die Schlink vor einem Panorama deutscher Historie schildert. Angefangen im Kaiserreich des späten 19. Jahrhunderts verfolge ich das Leben dieser willensstarken Protagonistin bis in die 1970er Jahre. Oft setzt sie sich gegen widrige Umstände durch und tut, was sie für richtig hält – oft hält sie jedoch auch ihre Überzeugungen zurück, ohne in den Lauf der Dinge einzugreifen. Die klare Gliederung des Romans ermöglicht dabei verschiedene Blickwinkel. Im ersten der drei Teile schreibt Schlink aus auktorialer Sicht. Olgas Liebesbeziehung zu Herbert ist von seiner Getriebenheit bestimmt. Nie hält es ihn an Ort und Stelle, immer strebt er nach der Ferne. Als deutscher Patriot meldet er sich zum Militäreinsatz in Deutsch-Südwestafrika. Seine Reise ist zugleich auch eine Flucht – vor dem Gut der Familie, das er mit einer standesgemäßen Frau an seiner Seite übernehmen soll; vor den Eltern, die seine Beziehung zu Olga ablehnen, für die oder gegen die er sich entscheiden muss, aber diese Entscheidung nicht zu treffen vermag. Diese Reise ist jedoch auch Ausdruck des seit Bismarck immer wiederkehrenden deutschen Größenwahns, welcher eines der Leitmotive des Romans darstellt. 

Er beschloss, ein Übermensch zu werden, nicht zu rasten und nicht zu ruhen, Deutschland groß zu machen und mit Deutschland groß zu werden, auch wenn es ihm Grausamkeit gegen sich und andere abverlangte. Olga fand die großen Worte hohl.

Zwei Weltkriege entspringen diesem Wahn, aber auch eine verhängnisvolle Expedition in die Arktis, zu welcher Herbert megalomanisch aufbricht; unvorbereitet und zu spät, der Wintereinbruch wird zum Verhängnis. Nach jahrelangem Warten, Bangen und Hoffen muss Olga erkennen: Er wird nicht aus dem Norden zu ihr zurückkehren. Lange ist sein Tod ihr nicht greifbar, sie schreibt weiterhin Briefe an ihn in den Norden. Als sie die Toten des ersten Weltkrieges sieht, begreift sie den Unterschied des Fern- und Todseins. Mehrfach flicht Schlink dieses Motiv in die Handlung ein, dieses fatale „Alles-zu-groß-Wollen“, das deutsche Heldentum. 

Olga steht dieser ‚deutschen Neigung’, dieser und auch späteren Zeiten voll politischer Radikalität als eine friedfertige Frau entgegen, die versucht, sich ein selbstbestimmtes, freies Leben zu erkämpfen. Sie beobachtet auf ihrem Weg die fatalen Formen von Männlichkeit – nicht nur in Herbert, dessen Größenwahn Olga sieht, aber dessen Sehnsucht nach der Weite, nach dem Übermäßigen sie gleichzeitig bewundert. Diesem Zwiespalt begegnet sie später auch noch einmal in der Beziehung zu ihrem Sohn, der für die SS arbeitet. Als redliche Frau, die den Nationalsozialismus schon instinktiv ablehnt, stellt sich ihr hier eine Schuldfrage, die auch ein wichtiges Motiv des Romans darstellt und immer verbunden ist mit inniger Liebe, die dahinter und auch oft im Gegensatz dazu steht – Olga bricht mit ihrem Sohn. Aufgrund ihrer Differenzen mit dem Regime muss sie auch die Stellung als Lehrerin aufgeben.

1945 flieht Olga in den Westen. Inzwischen ertaubt lebt sie im zweiten Teil des Buches als Näherin in einem Pfarrhaushalt in Heidelberg. Es folgt ein Perspektivwechsel – nun übernimmt der jüngste Sohn der Familie die Erzählung, welcher zu ‚Fräulein Rinke’ eine innig-freundschaftliche Beziehung pflegt, die bis zu Olgas Tod bestehen wird. Ferdinand wird von Schlink als eine Gegenfigur zu Olgas Mann und Sohn konzipiert. Er ist ein moderner Mann, friedlich, genügsam, durchschnittlich. Er wird zu ihrem Chronisten, schreibt ihre Geschichte auf, findet nach ihrem Tod Briefe, die sie nach Herberts Verschwinden in den Norden schickte.

Die Sammlung der Briefe macht den dritten Teil des Romans aus – hier ergreift nun Olga selbst das Wort. In ihren Briefen wird ihre große Sorge, ihre Sehnsucht, ihr Zorn deutlich. Sie geben den Blick frei auf das, was sie in ihrem Herzen bewegt und immer für sich behalten hat, auf ihre innerliche Zerrissenheit darüber. Sie zeichnen das Bild dieser Frau zu Ende.

Ich vermisse Dich bei allem, was wir gemeinsam gemacht haben und was ich jetzt alleine mache. […] Du bist weg, aber Du tust weh, als seist du noch da.

Es ist ein stilles Bild. Ein schnörkelloses, aber emotionales Bild des Lebens einer Frau, die den Sinn politischer Ereignisse häufig hinterfragte, nach Selbständigkeit strebte, sich nicht von Konvention beeinflussen ließ. Insofern auch ein ungewöhnliches Bild einer Frauenfigur des beginnenden 20. Jahrhunderts, in einer Generation von Frauen, die meist unter ihren Möglichkeiten lebten. Allerdings finden sich auch Merkmale dieser Generation in Olga. Sie begehrt nie gegen ihren Mann auf, akzeptiert die Umstände ihres Lebens mit ihm, in dem er so oft fehlt. Stellt ihre eigenen Bedürfnisse hinter seinen zurück, lebt ein Leben des Auf-ihn-Wartens, selbst wenn sie die Zeit des Wartens mit ihrem selbstbestimmten Leben füllt. Erst in ihren Briefen vermag sie ihre wahren Gefühle mitzuteilen, die mich emotional mehr bewegt und tiefer berührt haben, als ich es zunächst vermutete. Auch war ich betroffen über all die Verluste, Abschiede und vor allem diese bedingungslose Liebe, die immer leidenschaftlich, aber in gewisser Weise ungelebt blieb. Diese starken Emotionen werden in den Mantel einer Auseinandersetzung mit Schuld, Sühne und dem Sinn des Lebens gehüllt. 

Bis zu ihrem Tod überragt Olga aufrecht die Höhen und Tiefen ihres Lebens und regt in dieser intensiven, vielschichtigen Lektüre zum Nachdenken an: über verpasste Chancen und abgeschnittene Wege, Loyalität und Zufriedenheit, Selbstbestimmung und Selbstaufgabe, über die Schlichtheit und die Größe des Lebens, über Tragik und Glück, die oft Hand in Hand gehen und uns trotzdem nicht aufgeben lassen, zu lieben.

Heißa, Hopsa, Karlsson!

„Das stört keinen großen Geist!“ – Der liebste Spruch Karlssons vom Dach. Ich setze mich in der letzten Zeit wieder sehr mit dem Werk Astrid Lindgrens auseinander und entdecke es neu für mich – denn auch Kinderliteratur (oder vielleicht eben gerade diese) birgt manchmal die größten Weisheiten und die interessantesten Sichtweisen, die ich nun, wo ich erwachsen bin, noch einmal anders lese und anders verstehe.

Früher mochte ich Karlsson nicht. Ich habe ihn immer als nervigen Störenfried empfunden, der egoistisch und chaotisch die Welt aus ihren Fugen geraten lässt und mit einem genüsslich-höhnischen Gelächter absichtlich umwirft. Eine Verhaltensweise, die mir immer sehr fremd war. Ich orientierte mich lieber an der Vitalität und Lebenslust Ronja Räubertochters, bewunderte Pipi Langstrumpfs Selbstbewusstsein und ihre Großzügigkeit und sehe jetzt: davon steckt auch ganz viel in Karlsson vom Dach.Sicher hat Astrid Lindgren hier einen echten Antihelden geschaffen. Viel radikaler und frecher als Michel, viel eigennütziger und selbstzufriedener als Pipi, kein Lausejunge oder -mädchen mehr, sondern schon eher ein berechnender Verschwörer. Wohin Karlsson mit seinem Propeller auf dem Rücken geflogen kommt, herrscht Anarchie und Chaos. Den Alltag des kleinen Lillebrors aus Stockholm bringt er jedenfalls gehörig durcheinander. Und dabei dennoch liebenswert.

„Ich bin ein schöner
und grundgescheiter
und gerade richtig dicker Mann
in meinen besten Jahren
und der beste Karlsson der Welt
in jeder Weise!“

Aus: Astrid Lindgren, Karlsson vom Dach

Was für ein unerschütterliches Selbstbewusstsein! Jedes Problem weist er mit einem unbeschwerten „Das stört doch keinen großen Geist“ von sich. Über Kleinigkeiten regen sich eben nur Kleingeister auf – Karlsson jedenfalls kümmern Ordnung und Sauberkeit nicht die Bohne. Auch wenn Astrid Lindgren nie sein Alter nannte, so wird doch klar, dass er ein kleiner, dicker Mann ist, ein Erwachsener also, der sich wie ein Raufbold und Taugenichts verhält. Und gleichzeitig ist er ein unvergleichlicher Freigeist. Die Faszination des kleinen Jungen Lillebrors für diesen Mann vom Dach wird damit klar: Er steht zwischen ihm und seinen Eltern, lebt in seiner eigenen kleinen Welt. Er wagt auszusprechen, was Lillebror nicht mal zu denken träumt. 

Karlsson vom Dach ist nicht im ersten Moment ein Sympath. Er stopft Sahnetorten und Fleischklöße in sich hinein, ist angeberisch und verlogen, verhält sich verantwortungslos und nachlässig. Er kennt keine Sorgen, er kennt nur den Spaß. Dabei weiß er jedoch immer um seine Grenzen, geht nie einen Schritt zu weit, nie widerfährt ihm wirklich etwas Schlimmes, nie ist er zu kopflos, sondern behält immer die Kontrolle. Er lebt allein, bestimmt über sich selbst, ist unabhängig und verkörpert im Grunde in vielen Dingen das Verbotene, das gesellschaftlich nicht Akzeptierte – ohne dabei jedoch Lillebror aus seinen eigenen Bahnen zu werfen. Im Gegenteil ist es so, dass das Gefühl des kleinen Jungen für das, was richtig und falsch ist, durch die moralischen Verstöße des Mannes eher gefestigt und sicherer wird.

Er zeigt damit, worum es geht; was manchmal am wichtigsten ist und vermittelt die richtigen Maßstäbe: Es geht darum, die eigene Welt etwas durcheinanderzuwerfen, Chaos im Kopf zu machen, neu zu sortieren, neu zu gestalten. Sorgen über Bord zu werfen, Wünschen und Bedürfnissen nachzugehen, das Leben herauszufordern und einfach mal nur das zu tun, was man will, sich frei machen von Konvention. Ich finde, Karlsson rückt das Bild gerade. Er schafft Sicherheit durch Unsicherheit, verweist darauf, worum es geht, vermittelt Respekt vor Individualität. Er zeigt, dass man nicht zwangsläufig die Kontrolle verliert, wenn man sich mal ein paar Meter fallen lässt, dass Sorglosigkeit kein Kontrollverlust sein muss, dass man trotzdem die Zügel des Lebens fest in der Hand behalten kann, auch wenn man die Dinge etwas leichter nimmt.

Heißa Hopsa!

Die Zeit

Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!
Sie zu halten, wäre das Problem.
Denn, wen ängstigts nicht: wo ist ein Bleiben,
wo ein endlich Sein in alledem? –

Sieh, der Tag verlangsamt sich, entgegen
jenem Raum, der ihn nach Abend nimmt:
Aufstehn wurde Stehn, und Stehn wird Legen,
und das willig Liegende verschwimmt –

Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; –
aber auch in ihnen flimmert Zeit.
Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt
obdachlos die Unvergänglichkeit.

Rainer Maria Rilke, Aus dem Nachlaß des Grafen C. W. (Nachlaß)