Rezension: Jung Chang – „Wilde Schwäne“

Jung Chang wurde 1952 in der Provinz Sichuan geboren. In „Wilde Schwäne“ erzählt sie in einem biographischen Bericht über das Leben dreier Frauen im China der Kaiserzeit, der Herrschaft Maos bis zum Ende des 20. Jahrhunderts – das Leben ihrer Großmutter, ihrer Mutter und ihres eigenen. Musste die Großmutter noch Konkubine eines Kuomintang-Generals werden, waren Changs Eltern bereits überzeugte Kommunisten, ihr Vater ein hochrangiger Parteifunktionär. Ergreifend schildert sie die kulturrevolutionäre Umerziehung auf dem Land und ihre Zeit bei den jungen Rotgardisten. Ihr weiterer Lebensweg entfaltet sich vor einem Panorama der jüngeren Geschichte Chinas und ermöglicht einen feinfühlig beschriebenen Einblick in die Machtergreifung Maos. Mit Demütigungen, Plünderungen, Bücherverbrennungen und Folter stürzt er das Reich der Mitte ins Chaos, macht sich die niedersten Instinkte des Menschen zu Nutze, hetzt Funktionäre gegeneinander auf und spielt mit der Angst vor Denunziation und Verhaftung. Die Rücksichtslose Umsetzung politischer Ideen kostet Millionen Menschen das Leben, unbeschreibliches Leid, das hier auf den drei Generationen lastet. Kaum in Worte zu fassen und doch vermag Chang es, das Leben dieser drei Frauen erstaunlich sachlich, aber dadurch umso eindringlicher darzustellen und die Seele des chinesischen Volkes sichtbar zu machen. Großmutter, Mutter und Tochter bilden dabei Fixpunkte auf der Achse dieser Dokumentation, die sich dennoch spannend wie ein Roman liest. Jung Changs Rückblick auf ihre Jugend vor ihrer Auswanderung nach England macht deutlich, was es bedeutet, in einer Diktatur fernab der freiheitlich-demokratischen Welt zu leben, ermöglicht eine Annährung an die Details einer grausamen Historie und bietet den Schlüssel zu einem tieferen Verständnis des Mao Zedong Regimes. Vor dem Hintergrund der konfuzianischen Lehre und der langen Tradition der Denker wird die Instrumentalisierung des Kommunismus aufgerollt. Subtil wurde das moralische Gewissen einer Gesellschaft durch permanenten Missbrauch und widersprüchliche Apelle zerstört. Die Autorin resümiert Maos Philosophie in einem ständigen Bedürfnis nach dem Konflikt, der eine moralische Wüste hinterließ. Absolut lesenswert!

Rezension: Patrick Süskind – „Die Taube“

„Als ihm die Sache mit der Taube widerfuhr, die seine Existenz von einem Tag zum andern aus den Angeln hob, war Jonathan Noel schon über fünfzig Jahre alt, blickte auf eine wohl zwanzigjährige Zeitspanne von vollkommener Ereignislosigkeit zurück und hätte niemals mehr damit gerechnet, daß ihm Oberhaupt noch irgend etwas anderes Wesentliches würde widerfahren können als dereinst der Tod. Und das war ihm durchaus recht. Denn er mochte Ereignisse nicht, und er haßte geradezu jene, die das innere Gleichgewicht erschütterten und die äußere Lebensordnung durcheinanderbrachten.“

Auf knapp 100 Seiten begibt sich Patrick Süskind auf eine kleine Reise in die Gedankenwelt von Jonathan Noel. Einem Mann, der nach schwerer Vergangenheit zurückgezogen in seiner winzigen Pariser Ein-Zimmer-Wohnung haust und ein Leben in völliger Ereignislosigkeit gewählt hat. Diese friedliche Ruhe und rettende Monotonie finden jedoch in einem weiteren Schicksalsschlag plötzlich ein jähes Ende – auf dem Weg zur Etagentoilette sieht sich Noel mit einer Taube konfrontiert, die zum Fenster hereingeflogen im Flur vor seiner Wohnung sitzt und den Eingang zum rettenden Unterschlupf versperrt; mit unerhört blicklosen Augen das Chaos beschaut, das nun über den neurotischen Einzelgänger hereinbricht. Eine Verkettung des Unglücks folgt diesem Schockmoment, mit dessen Bewältigung Noel gänzlich überfordert ist, unfähig die kleinste Unebenheit in seiner sorgsam eintönig gewählten Existenz zu ertragen oder zu überwinden. Plötzlich heimatlos in der Stadt umherirrend verdichtet sich das große Durcheinander des folgenden Tages zu einem Psychogramm eines im Grunde sehr einsamen Mannes. Süskind zeigt seinem Leser in feinsinniger Beobachtung das fragile innere Gleichgewicht eines komplexen Seelenlebens und lässt es von einem einzigen grauen Flügelschlag aus den Fugen geraten. Genüsslich schildert er die wirren Gedankenspiele des völlig Verzweifelten und verschnürt darin eine sprachlich geniale, subtile Parabel über die Lächerlichkeit der kleinen Dinge, die sich zuweilen ehe wir es uns versehen gurrend aufplustern können und die noch so sicher geglaubten Verhältnisse gründlich ins Chaos stürzen. 

Rezension: John Jay Osborn – „Liebe ist die beste Therapie“

Ein Raum, drei Menschen, vier Stühle. Mehr braucht John Jay Osborn nicht, um das Set-up für sein Buch zu bauen. Interessantes Konzept, denn ohne die Ablenkungen einer Rahmenhandlung kommt dem Gespräch, welches das getrenntlebende Ehepaar auf 284 Seiten mit seiner Therapeutin führt, ungeteilte Aufmerksamkeit zu. Leider lassen sich in diesem Scheinwerferlicht viele Schwächen auch nicht verstecken und treten umso deutlicher zutage. Osborn versucht, seinem Leser typische Kommunikationsmuster in einer Beziehung vor Augen zu führen, die oft aus einer Kette von Missverständnissen bestehen. Doch in diesem Wirrwarr aus verletzten Gefühlen, Anschuldigungen, Streit und Irrtum bleibt die Spannung auf der Strecke: allzu vorhersehbar die Entwicklung der Probleme in dieser Ehe, allzu gewollt unkonventionell die Methoden der Therapeutin, allzu konstruiert die stetige Annährung und Entfernung der Protagonisten, allzu abrupt dann das kitschige Happy End. Beide Partner verkörpern zudem angestaubte Stereotypen. Sie – die zweifache Mutter, die sich endlich ihren Traum von Selbstverwirklichung in ihrem Job an der Uni verwirklicht, teure Accessoires liebt und sich gerne mit eloquenten Männern mittleren Alters umgibt; er – der erfolgreiche, sportwagenfahrende Unternehmer, der erst lernen muss, seine Gefühle zu lesen und ihr am Ende sogar ein Bild mit einem Boot malt. Muss ich erwähnen, dass die Trennung die Folge seines Fremdgehens war? 

Fachlich kann ich mir in puncto Eheberatung keinerlei Urteil erlauben, jedoch scheint auch der Autor als Juraprofessor und Anwalt nicht vom Fach und lässt die Erzählung eher wie ein Experiment mit seinen persönlichen Erkenntnissen wirken. Auch sprachlich überzeugt Osborn bei der Schilderung dieser Probanden auf dem Weg zu ihrem reiferen Ich und Miteinander nicht unbedingt. Lieblos heruntergeschrieben und flach im Ausdruck wirken viele Passagen wie ein Spiel auf Wörterzahl – für die Feststellung, dass der Ursprung vieler zwischenmenschlicher Schwierigkeiten in fehlgeschlagener Kommunikation zu finden ist, braucht es eben eigentlich keine 300 Seiten. Dass der Leser zusätzlich mit Informationen aus der Gedankenwelt von Therapeutin Sally versorgt wird, in denen sie während eines Klientengesprächs über ihre komplizierte Beziehung zu ihrer Mutter sinniert, die sonst aber keinen weiteren Mehrwert für die Entwicklung der Geschichte haben, ist hier nur ein zusätzlich verwirrender und im Grunde unnötiger Störfaktor.

Vielleicht liegt auch eine Schwäche in der Übersetzung, die schon aus dem Originaltitel „Listen to Marriage“ ein plakatives „Liebe ist die beste Therapie“ macht. Osborn legt hier eine lange, fiktive Erzählung vor, die schnell gelesen und schnell vergessen ist. Ein Buch, das leider nicht lange im Gedächtnis bleibt und für weit weniger Aha-Momente sorgt, als erhofft. 

Rezension: Benedict Wells – „Vom Ende der Einsamkeit“

Diesem Buch muss man Zeit geben – während des Lesens und auch danach. Es muss wirken, viele Passagen öffnet es erst beim zweiten Lesen. Tief berührt lässt es mich zurück in der Blase aus Melancholie mit Hoffnungsschimmer, die es erzeugt und die nicht sofort zerplatzt, als der Deckel zu dieser Welt zuklappt. Sie hüllt mich noch eine Weile ein.

Benedict Wells lässt seinen Leser drei Geschwister im Idyll ihrer Kindheit kennenlernen – zwischen Münchner Großstadtflair und den sommerlichen Besuchen bei der französischen Großmutter. Er fängt in den Erinnerungen des Protagonisten Jules viele kleine Glücksmomente ein, dann folgt der Bruch. Nach dem tödlichen Unfall der Eltern erleben die Geschwister eine Jugend, die von der Düsternis, der Kälte und Einsamkeit des Internats geprägt ist, in dem sie fortan aufwachsen und von dem aus sich nun ihre Lebensgeschichte neu entfaltet. 

Einfühlsam und ruhig erzählt Wells von Schmerz und Verlust, von der Trauerbewältigung, dem unterschiedlichen Prozess des Verarbeitens nach traumatischen Erlebnissen und von der Liebe. In sorgfältiger, chronologischer Montage, geradliniger Dramaturgie und erzählerischer Knappheit beschreibt der Autor den Weg einer vielschichtigen Bewusstwerdung und Selbstfindung. Die feine Darstellung des Zurückfindens in ein Leben, das ganz anders hätte verlaufen sollen, mündet bei diesem stillen, tiefgründigen Drama in der Frage nach Identität. Was bleibt nach einem solchen Erlebnis von einem Menschen übrig? Wie geht es weiter und was wäre wenn? Wie wird ein Leben zu dem, was es wird? Neben der geschwisterlichen Verbindung steht die Liebe zwischen Jules und seiner Jugendfreundin Alva im Vordergrund, die erst spät zueinanderfinden. In Auseinandersetzung mit entglittenen Jahren, verpassten Chancen, persönlichen Hindernissen und Trauer, schaffen es die beiden, letztendlich doch noch an ihrer Liebe festzuhalten und während ihrer Sehnsucht und Suche nach Beständigkeit zu erkennen: Glück und Schmerz, Angst und Mut, Unentschlossenheit und Bewegung, Traurigkeit und Schönheit gehen Hand in Hand und tragen die Schatten der Vergangenheit.

Der Umgang mit dem Schicksal entfaltet sich hier zu einer Liebesgeschichte, die ganz ohne Kitsch und Klischee auskommt. Auch die melancholische Grundstimmung wird nie durch zu viel jammerndes Selbstmitleid gestört. Wundersam traurig und optimistisch zugleich, gefüllt mit jeder Menge Musik und literarischen Zitaten legt Wells hier ein wunderschönes, aufbauendes Buch vor, welches mich in seinem bisherigen Werk am meisten überzeugt.

Rezension: Bernhard Schlink – „Olga“

Als ich das Buch zuklappe, streiche ich noch einmal über den Einband aus blauem Stoff. Es hat mich berührt und ich möchte sie noch nicht loslassen, diese starke Frau, der ich gut 80 Jahre Zeitgeschichte hindurch über die Schulter gesehen habe.

Bernhard Schlink erzählt von Olga Rinke, einem Mädchen aus armen Verhältnissen, das den anderen lieber zuschaut als mitspielt. Diese Eigenschaft wird charakteristisch für ihr Leben werden, doch zunächst wird sie nach dem Tod ihrer Eltern zur harschen Großmutter nach Pommern geholt. Dort lernt sie Herbert kennen, den Sohn eines reichen Gutsbesitzers, schließt Freundschaft mit ihm. In der Schule zeigt Olga sich begabt, möchte Lehrerin werden. Als ihr versagt wird, auf die höhere Mädchenschule zu gehen, eignet sie sich den Stoff für die Prüfung selbst an, entflieht dafür häufig der beengten Atmosphäre des Hauses ihrer Großmutter auf Wiesen und Felder. Dort trifft sie sich häufig mit Herbert, beide verlieben sich ineinander.

Es ist eine anfangs innige, zunehmend tragische Liebesgeschichte, die Schlink vor einem Panorama deutscher Historie schildert. Angefangen im Kaiserreich des späten 19. Jahrhunderts verfolge ich das Leben dieser willensstarken Protagonistin bis in die 1970er Jahre. Oft setzt sie sich gegen widrige Umstände durch und tut, was sie für richtig hält – oft hält sie jedoch auch ihre Überzeugungen zurück, ohne in den Lauf der Dinge einzugreifen. Die klare Gliederung des Romans ermöglicht dabei verschiedene Blickwinkel. Im ersten der drei Teile schreibt Schlink aus auktorialer Sicht. Olgas Liebesbeziehung zu Herbert ist von seiner Getriebenheit bestimmt. Nie hält es ihn an Ort und Stelle, immer strebt er nach der Ferne. Als deutscher Patriot meldet er sich zum Militäreinsatz in Deutsch-Südwestafrika. Seine Reise ist zugleich auch eine Flucht – vor dem Gut der Familie, das er mit einer standesgemäßen Frau an seiner Seite übernehmen soll; vor den Eltern, die seine Beziehung zu Olga ablehnen, für die oder gegen die er sich entscheiden muss, aber diese Entscheidung nicht zu treffen vermag. Diese Reise ist jedoch auch Ausdruck des seit Bismarck immer wiederkehrenden deutschen Größenwahns, welcher eines der Leitmotive des Romans darstellt. 

Er beschloss, ein Übermensch zu werden, nicht zu rasten und nicht zu ruhen, Deutschland groß zu machen und mit Deutschland groß zu werden, auch wenn es ihm Grausamkeit gegen sich und andere abverlangte. Olga fand die großen Worte hohl.

Zwei Weltkriege entspringen diesem Wahn, aber auch eine verhängnisvolle Expedition in die Arktis, zu welcher Herbert megalomanisch aufbricht; unvorbereitet und zu spät, der Wintereinbruch wird zum Verhängnis. Nach jahrelangem Warten, Bangen und Hoffen muss Olga erkennen: Er wird nicht aus dem Norden zu ihr zurückkehren. Lange ist sein Tod ihr nicht greifbar, sie schreibt weiterhin Briefe an ihn in den Norden. Als sie die Toten des ersten Weltkrieges sieht, begreift sie den Unterschied des Fern- und Todseins. Mehrfach flicht Schlink dieses Motiv in die Handlung ein, dieses fatale „Alles-zu-groß-Wollen“, das deutsche Heldentum. 

Olga steht dieser ‚deutschen Neigung’, dieser und auch späteren Zeiten voll politischer Radikalität als eine friedfertige Frau entgegen, die versucht, sich ein selbstbestimmtes, freies Leben zu erkämpfen. Sie beobachtet auf ihrem Weg die fatalen Formen von Männlichkeit – nicht nur in Herbert, dessen Größenwahn Olga sieht, aber dessen Sehnsucht nach der Weite, nach dem Übermäßigen sie gleichzeitig bewundert. Diesem Zwiespalt begegnet sie später auch noch einmal in der Beziehung zu ihrem Sohn, der für die SS arbeitet. Als redliche Frau, die den Nationalsozialismus schon instinktiv ablehnt, stellt sich ihr hier eine Schuldfrage, die auch ein wichtiges Motiv des Romans darstellt und immer verbunden ist mit inniger Liebe, die dahinter und auch oft im Gegensatz dazu steht – Olga bricht mit ihrem Sohn. Aufgrund ihrer Differenzen mit dem Regime muss sie auch die Stellung als Lehrerin aufgeben.

1945 flieht Olga in den Westen. Inzwischen ertaubt lebt sie im zweiten Teil des Buches als Näherin in einem Pfarrhaushalt in Heidelberg. Es folgt ein Perspektivwechsel – nun übernimmt der jüngste Sohn der Familie die Erzählung, welcher zu ‚Fräulein Rinke’ eine innig-freundschaftliche Beziehung pflegt, die bis zu Olgas Tod bestehen wird. Ferdinand wird von Schlink als eine Gegenfigur zu Olgas Mann und Sohn konzipiert. Er ist ein moderner Mann, friedlich, genügsam, durchschnittlich. Er wird zu ihrem Chronisten, schreibt ihre Geschichte auf, findet nach ihrem Tod Briefe, die sie nach Herberts Verschwinden in den Norden schickte.

Die Sammlung der Briefe macht den dritten Teil des Romans aus – hier ergreift nun Olga selbst das Wort. In ihren Briefen wird ihre große Sorge, ihre Sehnsucht, ihr Zorn deutlich. Sie geben den Blick frei auf das, was sie in ihrem Herzen bewegt und immer für sich behalten hat, auf ihre innerliche Zerrissenheit darüber. Sie zeichnen das Bild dieser Frau zu Ende.

Ich vermisse Dich bei allem, was wir gemeinsam gemacht haben und was ich jetzt alleine mache. […] Du bist weg, aber Du tust weh, als seist du noch da.

Es ist ein stilles Bild. Ein schnörkelloses, aber emotionales Bild des Lebens einer Frau, die den Sinn politischer Ereignisse häufig hinterfragte, nach Selbständigkeit strebte, sich nicht von Konvention beeinflussen ließ. Insofern auch ein ungewöhnliches Bild einer Frauenfigur des beginnenden 20. Jahrhunderts, in einer Generation von Frauen, die meist unter ihren Möglichkeiten lebten. Allerdings finden sich auch Merkmale dieser Generation in Olga. Sie begehrt nie gegen ihren Mann auf, akzeptiert die Umstände ihres Lebens mit ihm, in dem er so oft fehlt. Stellt ihre eigenen Bedürfnisse hinter seinen zurück, lebt ein Leben des Auf-ihn-Wartens, selbst wenn sie die Zeit des Wartens mit ihrem selbstbestimmten Leben füllt. Erst in ihren Briefen vermag sie ihre wahren Gefühle mitzuteilen, die mich emotional mehr bewegt und tiefer berührt haben, als ich es zunächst vermutete. Auch war ich betroffen über all die Verluste, Abschiede und vor allem diese bedingungslose Liebe, die immer leidenschaftlich, aber in gewisser Weise ungelebt blieb. Diese starken Emotionen werden in den Mantel einer Auseinandersetzung mit Schuld, Sühne und dem Sinn des Lebens gehüllt. 

Bis zu ihrem Tod überragt Olga aufrecht die Höhen und Tiefen ihres Lebens und regt in dieser intensiven, vielschichtigen Lektüre zum Nachdenken an: über verpasste Chancen und abgeschnittene Wege, Loyalität und Zufriedenheit, Selbstbestimmung und Selbstaufgabe, über die Schlichtheit und die Größe des Lebens, über Tragik und Glück, die oft Hand in Hand gehen und uns trotzdem nicht aufgeben lassen, zu lieben.

Heißa, Hopsa, Karlsson!

„Das stört keinen großen Geist!“ – Der liebste Spruch Karlssons vom Dach. Ich setze mich in der letzten Zeit wieder sehr mit dem Werk Astrid Lindgrens auseinander und entdecke es neu für mich – denn auch Kinderliteratur (oder vielleicht eben gerade diese) birgt manchmal die größten Weisheiten und die interessantesten Sichtweisen, die ich nun, wo ich erwachsen bin, noch einmal anders lese und anders verstehe.

Früher mochte ich Karlsson nicht. Ich habe ihn immer als nervigen Störenfried empfunden, der egoistisch und chaotisch die Welt aus ihren Fugen geraten lässt und mit einem genüsslich-höhnischen Gelächter absichtlich umwirft. Eine Verhaltensweise, die mir immer sehr fremd war. Ich orientierte mich lieber an der Vitalität und Lebenslust Ronja Räubertochters, bewunderte Pipi Langstrumpfs Selbstbewusstsein und ihre Großzügigkeit und sehe jetzt: davon steckt auch ganz viel in Karlsson vom Dach.Sicher hat Astrid Lindgren hier einen echten Antihelden geschaffen. Viel radikaler und frecher als Michel, viel eigennütziger und selbstzufriedener als Pipi, kein Lausejunge oder -mädchen mehr, sondern schon eher ein berechnender Verschwörer. Wohin Karlsson mit seinem Propeller auf dem Rücken geflogen kommt, herrscht Anarchie und Chaos. Den Alltag des kleinen Lillebrors aus Stockholm bringt er jedenfalls gehörig durcheinander. Und dabei dennoch liebenswert.

„Ich bin ein schöner
und grundgescheiter
und gerade richtig dicker Mann
in meinen besten Jahren
und der beste Karlsson der Welt
in jeder Weise!“

Aus: Astrid Lindgren, Karlsson vom Dach

Was für ein unerschütterliches Selbstbewusstsein! Jedes Problem weist er mit einem unbeschwerten „Das stört doch keinen großen Geist“ von sich. Über Kleinigkeiten regen sich eben nur Kleingeister auf – Karlsson jedenfalls kümmern Ordnung und Sauberkeit nicht die Bohne. Auch wenn Astrid Lindgren nie sein Alter nannte, so wird doch klar, dass er ein kleiner, dicker Mann ist, ein Erwachsener also, der sich wie ein Raufbold und Taugenichts verhält. Und gleichzeitig ist er ein unvergleichlicher Freigeist. Die Faszination des kleinen Jungen Lillebrors für diesen Mann vom Dach wird damit klar: Er steht zwischen ihm und seinen Eltern, lebt in seiner eigenen kleinen Welt. Er wagt auszusprechen, was Lillebror nicht mal zu denken träumt. 

Karlsson vom Dach ist nicht im ersten Moment ein Sympath. Er stopft Sahnetorten und Fleischklöße in sich hinein, ist angeberisch und verlogen, verhält sich verantwortungslos und nachlässig. Er kennt keine Sorgen, er kennt nur den Spaß. Dabei weiß er jedoch immer um seine Grenzen, geht nie einen Schritt zu weit, nie widerfährt ihm wirklich etwas Schlimmes, nie ist er zu kopflos, sondern behält immer die Kontrolle. Er lebt allein, bestimmt über sich selbst, ist unabhängig und verkörpert im Grunde in vielen Dingen das Verbotene, das gesellschaftlich nicht Akzeptierte – ohne dabei jedoch Lillebror aus seinen eigenen Bahnen zu werfen. Im Gegenteil ist es so, dass das Gefühl des kleinen Jungen für das, was richtig und falsch ist, durch die moralischen Verstöße des Mannes eher gefestigt und sicherer wird.

Er zeigt damit, worum es geht; was manchmal am wichtigsten ist und vermittelt die richtigen Maßstäbe: Es geht darum, die eigene Welt etwas durcheinanderzuwerfen, Chaos im Kopf zu machen, neu zu sortieren, neu zu gestalten. Sorgen über Bord zu werfen, Wünschen und Bedürfnissen nachzugehen, das Leben herauszufordern und einfach mal nur das zu tun, was man will, sich frei machen von Konvention. Ich finde, Karlsson rückt das Bild gerade. Er schafft Sicherheit durch Unsicherheit, verweist darauf, worum es geht, vermittelt Respekt vor Individualität. Er zeigt, dass man nicht zwangsläufig die Kontrolle verliert, wenn man sich mal ein paar Meter fallen lässt, dass Sorglosigkeit kein Kontrollverlust sein muss, dass man trotzdem die Zügel des Lebens fest in der Hand behalten kann, auch wenn man die Dinge etwas leichter nimmt.

Heißa Hopsa!

Rezension: Astrid Lindgren – „Das entschwundene Land“

Astrid Lindgrens Geschichten sind für mich ein Schatz aus meiner Kindheit, den ich bewahren und weitergeben werde. Aber auch das einzige Buch, das sie je für ein erwachsenes Publikum schrieb, rührt mich tief an. Es ist ein schmaler Band, der auf knapp 130 Seiten von der Liebesgeschichte ihrer Eltern erzählt.

Jetzt will ich eine Liebesgeschichte erzählen, keine, die ich gelesen oder mir ausgedacht, sondern nur eine, die ich gehört habe. Oft gehört habe. Darin ist mehr Liebe als in allen, die ich in Büchern fand, und für mich ist sie rührend und schön. Aber das liegt vielleicht daran, daß sie von zwei Menschen handelt, die meine Eltern werden sollten.

Astrid Lindgren – Das entschwundene Land, S. 9, dtv Ausgabe

Eine innige, sehr schlichte Liebe ist es, die ihre Eltern bis ins hohe Alter verbindet. Dieses Buch zu lesen ist wie in einem alten Fotoalbum zu stöbern und mit dem Finger über das Bild eines Paares zu streichen und sich zu fragen, wie diese beiden wohl zueinander gefunden haben, was sie verbunden haben mag, wie sie ihr Leben gemeinsam gestalteten. Astrid Lindgren beantwortet diese Fragen in einer Erzählung voll atmosphärischer Zeitlosigkeit und einer Prise trockenen Humors. Sie beschreibt eine unbeschwerte Kindheit, die geprägt war von Freiheit und Geborgenheit. Durch felsige Weiden, Birkenwälder, Wegesränder voll Leberblümchen, blaue Seen und rote Holzhäuser nimmt Lindgren ihren Leser mit ins ‚entschwundene‘ Land, in dem sie als Kind von Samuel August von Sevedstorp und Hanna in Hult aufwuchs. 

Ein einfaches Leben führt die Familie, geprägt von harter Arbeit und liebevoller Wärme. Mittendrin wächst das kleine Mädchen Astrid auf, das Jahrzehnte später seine Erinnerungen an eine lebendige Zeit aufschreibt. Mitreißend die Stelle, in der sie erzählt, wie sie ihre Leseleidenschaft entdeckte und ihre grenzenlose Freude darüber, sich später Bücher nicht nur auszuleihen, sondern auch selbst kaufen und besitzen zu können. Lesen ist für sie das grenzenloseste aller denkbaren Abenteuer.

Der kleine Band ist eine wunderschöne Ergänzung zu den Biografien, die über Astrid Lindgren geschrieben wurden. Es macht großen Spaß, ihn immer mal wieder in die Hand zu nehmen und in dieses Bild hineinzuschauen, das sie in Erinnerung an ihre Kindheit auf dem Pachthof bei Vimmerby im schwedischen Småland gezeichnet hat, welche sich so tief einprägte in ihr Sein und auch in ihr Werk. Aber allem voran ist es doch einfach eine so tief rührende Verbindung, die sie den Leser zwischen ihren Eltern beobachten lässt und allein dafür ist dieses Buch absolut lesenswert. Auch als Witwer gedenkt Samuel August noch seiner Hanna, dieser großen Liebe seines Lebens. Der Satz, den er voll Ruhe und Zufriedenheit am Ende ihrer beiden Leben zu ihr sagte, klingt noch lange in mir nach.

Hier sitzen wir, du und ich, und haben’s schön.