Morgenrote Molen

Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten Aus Deinem Haar vergessnen Sonnenschein. Schau, ich will nichts, als Deine Hände halten Und still und gut und voller Frieden sein.

Da wächst die Seele mir, bis sie in Scherben Den Alltag sprengt. Sie wird so wunderweit: An ihren morgenroten Molen sterben Die ersten Wellen der Unendlichkeit.

Rilke, Rainer Maria: Advent. Leipzig, 1898.

Die Zeit

Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!
Sie zu halten, wäre das Problem.
Denn, wen ängstigts nicht: wo ist ein Bleiben,
wo ein endlich Sein in alledem? –

Sieh, der Tag verlangsamt sich, entgegen
jenem Raum, der ihn nach Abend nimmt:
Aufstehn wurde Stehn, und Stehn wird Legen,
und das willig Liegende verschwimmt –

Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; –
aber auch in ihnen flimmert Zeit.
Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt
obdachlos die Unvergänglichkeit.

Rainer Maria Rilke, Aus dem Nachlaß des Grafen C. W. (Nachlaß)

Ein Zeichen

Gieb deinem Herzen ein Zeichen, 
daß die Winde sich drehn. 
Hoffnung ist ohne gleichen 
wenn sie die Göttlichen sehn. 

Richte dich auf und verharre 
still in dem großen Bezug; 
leise löst sich das Starre, 
milde schwindet der Bug. 

Risse entstehn im Verhängnis 
das du lange bewohnt, 
und in das dichte Gefängnis 
flößt sich ein fühlender Mond. 

Aus: Rainer Maria Rilke, Die Gedichte 1922 bis 1926 (Entwürfe; Muzot, Februar 1924)